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»Ich weiß, wo unser Land war« (nd-aktuell.de)


In Namibia erinnert noch vieles an die Kolonialzeit. Denkmäler werden von ihren Sockeln gerissen, an der Landverteilung muss noch gearbeitet werden.

Foto: dpa/Lisa Ossenbrink

In Namibia gehören immer noch 70 Prozent des privaten fruchtbaren Ackerlandes den Nachkommen weißer Europäer. Welche Auswirkungen hat dies auf die Namibier, deren Vorfahren den Völkermord überlebt haben?

Während des Kolonialismus wurden die Ländereien der Ovaherero und Nama sowie der Damara und San gewaltsam beschlagnahmt. Die Ureinwohner wurden enteignet und Landrechte an weiße Siedler übertragen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, denn unsere Verfassung – ebenfalls ein Erbe des Kolonialismus – schützt das private Land, das weißen Minderheiten gehört.

Aber gibt es Bestrebungen, das Land in Namibia neu zu verteilen?

Ja, es gibt das kommunale Landreformgesetz. Es sieht so aus, als ob der Staat absichtlich Land von weißen Farmern aufkauft und es zum Wohle der traditionellen Gemeinschaften, die in diesen Gebieten leben, anvertraut. Gemeindeland kann nicht gekauft oder verkauft werden, aber man kann ein gemeinsames Recht oder eine Pacht über einen Teil des Gemeindelandes erwerben. Aber in der Region Hardap zum Beispiel sind nur fünf Prozent des Landes kommunal. 75 Prozent sind Privatland und 15 Prozent Naturschutzgebiete. In der Region Omaheke leben Hirtengemeinschaften auf kommunalem Land, es ist nicht für die Landwirtschaft optimiert, da das Land allen gehört.

Was wäre Ihre ideale Lösung für die Landfrage?

2018 hatten wir eine Landkonferenz, die einige wirklich gute Entscheidungen getroffen hat. Wir glauben, dass das von der Regierung festgelegte System in Ordnung ist. Und anders als in Südafrika verkaufen weiße Farmer in Namibia ihr Land. Das Problem hier ist die Umsetzung. Die freigewordenen Ländereien weist die Regierung nicht gezielt den betroffenen Gemeinden zu, sondern der Mehrheitsgesellschaft, oft mit Verbindungen zur Elite der regierenden Swapo-Partei. So wird Land an Menschen zurückgegeben, die nichts verloren haben. Wir wollen Affirmative Action: Gezielte Landrückgabe an Völkermordopfer und ihre Nachkommen.

Wie können Menschen beweisen, dass ihr angestammtes Land beschlagnahmt wurde?

Wir setzen uns für die Bildung einer Schlichtungsstelle ein, bei der Menschen ihre Ansprüche geltend machen können. Die Rückgabe von angestammtem Land in Namibia ist möglich. Besonders bei den Herero ist es üblich, dort begraben zu werden, wo man herkommt. Wenn Sie an einem bestimmten Ort viele Gräber seiner Gemeinde finden, bedeutet dies, dass er dort gelebt hat. Außerdem ist der Völkermord erst 100 Jahre her, was manchmal eine Generation sein kann. Die Geschichte wird mündlich weitergegeben. Ich bin 26, aber ich weiß sehr gut, wo meine Vorfahren lebten und wo unser Land war, bevor es ihnen weggenommen wurde.

Woher weißt du das?

Ich weiß das, weil es mir gesagt wurde und weil meine Urgroßmutter dort begraben wurde. Wenn Sie vor einem Schiedsgericht nachweisen können, dass ein Grundstück das Land Ihrer Familie war, sollte es zurückgegeben werden. Wenn es in Privatbesitz ist, sollte es enteignet werden.

Sie wollen also Enteignungen?

Ja auf jeden Fall. Wir wollen Enteignung, mit oder ohne Entschädigung. Die Verfassung sieht vor, dass Land enteignet werden kann, wenn dies im öffentlichen Interesse liegt. Selbst wenn sie es mit gerechter Entschädigung enteignen, sollte es ein Schiedsverfahren geben, damit sie es den Nachkommen zurückgeben können.

Was verhindert das jetzt?

Die Landumverteilung findet statt. Aber sehr langsam und durch einen sehr exklusiven Prozess. Nachkommen von Völkermordopfern werden bei der Landumverteilung nicht bevorzugt. Und als Folge des Genozids leben viele Familien in Armut und können es sich nicht leisten, eine große Farm zu kaufen, die sieben Millionen namibische Dollar kosten kann. Eine gezielte Umsetzung des Prozesses würde helfen.

Die gemeinsame Erklärung zwischen Deutschland und Namibia sieht auch Geld für die Landfrage vor. Macht das Sinn?

Von den 1,1 Milliarden fließt nur ein bestimmter Betrag in die Landreform. Dieses Geld wird die Landfrage nicht lösen.

Wie reagieren die weißen Farmer auf Ihre Arbeit?

Unser Kampf ist nicht mit den weißen Farmern, sondern mit unserer Regierung. Wir wollen eine restaurative Landreform.



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