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Hitlers Putsch vor 100 Jahren: „Der Vergleich dient als Warnung“


Hitlers Putsch vor 100 Jahren: „Der Vergleich dient als Warnung“

Stand: 8. November 2023 6:16 Uhr

Vor 100 Jahren startete Adolf Hitler einen Putschversuch. Es ging schief; Die Nationalsozialisten besiegten die Demokratie erst später – mit ihren eigenen Waffen. Was zeigt ein Vergleich zu heute?

Adolf Hitler schnappt sich seine Pistole und schießt in die Decke des Bürgerbräukellers in München. So verschafft er sich Gehör. Es ist der Abend des 8. November 1923. Der Beginn des Hitlerputsches. Teile der bayerischen Landesregierung tagen derzeit im Bierkeller. Hitler zwingt sie, ihn zu unterstützen: Er will die Demokratie in Deutschland stürzen.

100 Jahre später: Laut einer im September 2023 veröffentlichten Studie befürworten mehr als sechs Prozent der Menschen in Deutschland eine Diktatur. Gibt es Parallelen zwischen der Weimarer Republik und heute, zwischen 1923 und 2023? Ja, sagt der Historiker Paul-Moritz Rabe, der die Forschung am NS-Dokumentationszentrum München leitet. Wer die beiden Jahre gleichsetzt, macht es sich zu einfach.

Erste Parallele: Inflation

Eine Parallele zwischen 1923 und heute ist die Geldentwertung. Die Inflation ist so hoch wie noch nie seit der Wiedervereinigung: Im Jahr 2022 stiegen die Verbraucherpreise um 6,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im September waren sie 4,5 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Das macht sich besonders beim Einkaufen, Tanken und Heizen bemerkbar. Das hat politische Konsequenzen: „Wirtschaftskrisen damals wie heute wirken radikalisierend“, sagt Historiker Rabe. Untergangsängste schüren die Sehnsucht nach einfachen Antworten und Erlöserzahlen. Und sie wirken polarisierend in politischen Diskussionen – etwa in der Debatte um das Heizungsgesetz.

Mehr noch: „Sobald Menschen Geld haben, stellen sie das große Ganze in Frage“, sagt Rabe. Befindet sich die Wirtschaft in einer Krise, kann dies das Vertrauen in die Demokratie insgesamt untergraben. So geschah es im Jahr 1923. „Ein Aufstand des gesamten Volkes, ein Bürgerkrieg schien unausweichlich“, bemerkte damals die Journalistin und überzeugte Demokratin Paula Schlier. Dem Hitler-Putsch gingen soziale Notlagen voraus, die Zweifel am politischen System säten.

Als Paula Schlier während der „Hungerzeit“ 1923 durch München spazierte, traf sie auf unzählige Kriegsversehrte, Arbeitslose und abgemagerte Kinder. Sie wusste auch nicht, wie sie sich einen Laib Brot leisten sollte. Im Oktober kostete ein Laib Brot mehrere Millionen Reichsmark – vier Wochen später waren es bereits mehrere Milliarden.

Das ist auch ein entscheidender Unterschied: Die Weimarer Republik stürzte 1923 in die Hyperinflation. Mit Inflationsraten von über 50 Prozent – ​​kein Vergleich zu heute.

Die Journalistin Paula Schlier berichtete über die Ereignisse vor 100 Jahren.

Zweite Parallele: Mehrere Krisen

Was die Jahre 1923 und 2023 gemeinsam haben, ist das Gefühl, sich gleichzeitig in mehreren Krisen zu befinden. Dazu gehören neben Wirtschaftskrisen auch die Klimakrise, die gerade überwundene Corona-Krise, der Krieg in Europa – und jetzt wieder im Nahen Osten. „Ein solches Krisengefühl war auch in der Weimarer Republik deutlich zu spüren“, sagt Historiker Rabe. Zur Wirtschaftskrise kamen die Folgen des Ersten Weltkriegs und der Aufstieg des Faschismus im benachbarten Italien.

Gleichzeitig sind beide Epochen von einer beispiellosen gesellschaftlichen Öffnung geprägt. In den 1920er Jahren hatten Frauen gerade das Wahlrecht erlangt und Großstädte wurden zu Orten sexueller Freiheit. Eine Parallele zu heute: Von der Ehe für alle zur geschlechtergerechten Sprache Die Gesellschaft bewegt sich in Richtung Gleichberechtigung. Das gefällt nicht jedem: „Die Öffnung der Gesellschaft hat für manche eine befreiende Wirkung – und ist für andere Teile der Gesellschaft ein Verunsicherungsfaktor“, sagt Rabe mit Blick auf damals und heute.

Der Historiker Paul-Moritz Rabe leitet die Forschung am NS-Dokumentationszentrum München.

Dritte Parallele: Verschiebung nach rechts

Vor 100 Jahren bejubelten Tausende die menschenverachtenden Parolen Hitlers und der von ihm geführten NSDAP. „Die Straßen waren schwarz von eiligen Menschen“, erinnert sich der Autor Schlier an jene Abende im München der 1920er Jahre, als Adolf Hitler in einer der vielen Brauereien eine Rede hielt. Die junge Autorin ist von dieser Massenbegeisterung so schockiert, dass sie sich als Stenographin für den Völkischen Observer, die NSDAP-Parteizeitung, verdingt. Denn sie will die nationalsozialistischen Rattenfänger entlarven – eine der ersten investigativen Recherchen im deutschsprachigen Raum.

Marienplatz in München während des Putschversuchs.

Und heute? „Der rechte Rand wird lauter und die Unterstützung für die Demokratie schwindet“, sagt Historiker Rabe. Die Zahl der Anhänger rechtsextremer Gesinnungen hat sich im Vergleich zu den Vorjahren zuletzt fast verdreifacht. Zu diesem Ergebnis kommt die sogenannte Mitte-Studie. Acht Prozent der Menschen in Deutschland haben eine rechtsextreme Weltanschauung.

Bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen im Oktober erzielte die AfD erneut zweistellige Ergebnisse und wurde dort erstmals Oppositionsführerin. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft die Partei als Rechtsextremismus-Verdachtsfall und teilweise als bestätigt extremistisch ein.

Eine Warnung

„Der Vergleich der Jahre 1923 und 2023 dient als Warnung“, sagt Historiker Rabe. Gleichzeitig dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass der Hitler-Putsch gescheitert ist und dass auf das Krisenjahr der noch jungen deutschen Demokratie eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und des kulturellen Aufschwungs folgte: die Goldenen Zwanziger.

Auch ein Blick auf die Weimarer Zeit zeigt, dass eine Demokratie Krisen überwinden kann. Mit einer Währungsreform im Jahr 1923 gelang es der Regierung, die Hyperinflation zu beenden. Die Wirtschaft hat sich erholt. Und die radikalen Kräfte wurden stiller, während die Demokratie zumindest kurzzeitig an Unterstützung gewann.

„Wenn man damals mit heute vergleicht, erkennt man Parallelen, die einem Angst machen – und Parallelen, die einem Hoffnung machen“, sagt Rabe. Weil Demokratien fragil sind. Aber sie gehen nicht unbedingt kaputt.

Mehr zum Thema gibt es im Podcast „Paula sucht Paula: Vergessene Heldin im Hitlerputsch?“” und der Dokumentarfilm „Hitler-Putsch 1923 – Das Tagebuch der Paula Schlier“.

Hitlers Putsch vor 100 Jahren: „Der Vergleich dient als Warnung“

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