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Hans Magnus Enzensberger ist tot |  Kultur |  DW

Hans Magnus Enzensberger war leidenschaftlicher Raucher. Das hatte er mit Ex-Kanzler Helmut Schmidt gemeinsam. Vor allem aber war er einer der bedeutendsten Intellektuellen Deutschlands: Mehr als 60 Jahre lang versorgte er die internationale Literaturwelt mit nachdenklichen und poetischen Spitzfindigkeiten aus deutschen Landen.

Er wurde am 11. November 1929 als ältester von vier Söhnen in Kaufbeuren im Allgäu geboren. Der Vater war Fernmeldetechniker, die Mutter Lehrerin. Schon als Junge versuchte er sich an literarischen Fingerübungen. Das gefiel ihm mehr als der Militärdrill der Hitlerjugend, aus dem der trotzige Junge ausgeschlossen wurde. Mit 15 Jahren wurde er 1944 zum Volkssturm eingezogen, konnte aber kurz vor Kriegsende desertieren. „Ich hatte Glück mit meinen Eltern. Sie waren keine Widerstandskämpfer, aber auch keine Nazis. Das hat mir von Anfang an einen anderen Blick auf die sogenannte nationalsozialistische Gemeinde gegeben“, sagt Enzensberger rückblickend.

1949 begann Hans Magnus Enzensberger mit dem Literatur- und Sprachstudium. 1955 promovierte er in Philosophie. Außerdem veröffentlichte er erste Texte und wurde Mitglied der „Gruppe 47“. Die Teilnehmer des legendären Schriftstellertreffens kamen ab 1947 zwanzig Jahre lang zusammen, um die deutsche Literatur nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu erneuern. Ein 2018 veröffentlichter Brief zwischen Enzensberger und der Dichterin Ingeborg Bachmann, die 1953 den Preis der Gruppe 47 für Gedichte aus „Die gestagete Zeit“ erhielt, legt Zeugnis von den damaligen Debatten ab.

Literarischer Weltenbummler

Das Nachkriegsdeutschland wurde Enzensberger bald zu eng. Seine Sturm- und Drangjahre trieben ihn in die Welt hinaus. Ausgedehnte Reisen in die USA, Mexiko, Norwegen und Italien gaben ihm die Internationalität, die ihm Zeit seines Lebens wichtig war. 1957 erschien sein erster Gedichtband „Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer“. Drei Jahre später wurde er Lektor beim renommierten Suhrkamp-Verlag. 1965 gründete er das „Kursbuch“ – Pflichtlektüre und Meinungsforum für intellektuelle Kreise und revolutionäre Studenten, die in der Zeit von 1968 auf die Straße gingen. Enzensberger mischte sich kraftvoll und meinungsbildend in die politischen Debatten der Zeit ein.

Gedichte aus dieser Zeit lesen sich wie Stationen deutscher Kulturgeschichte. Sein erster Gedichtband erregte bei seinem Erscheinen 1957 großes Aufsehen. Wie viele der politisch engagierten Schriftsteller der frühen Bundesrepublik machte sich der junge Enzensberger daran, die Schwere der existentiellen Nachkriegslyrik zu brechen. Seine Antwort war: Leicht ironische Poesie und pointierte Titel wie „Discount Stamps“, „Model Country/Murder Pit“ oder „It’s Up, But Not Forward“.

Die „Andere Bibliothek“

Als Schriftsteller ging er voller Kulturkritik an seine Themengebiete heran – mit „skeptischer Souveränität“, wie er es selbstverliebt formulierte. 1963 erhielt er – auch für diese Haltung – den Georg-Büchner-Preis. Weitere renommierte Auszeichnungen folgten: Heinrich-Böll-Preis, Preis der Deutschen Kritik, Ludwig-Börne-Preis. 2015 erhielt Enzensberger seine letzte Auszeichnung, den neu geschaffenen Frank-Schirrmacher-Preis. Dieser Preis für „herausragende Leistungen im Verständnis unserer Zeitgeschehen“ ist eine Hommage an Frank Schirrmacher, den früh verstorbenen Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Nach der Veröffentlichung seines einzigen Romans („Der kurze Sommer der Anarchie“) ließ sich Enzensberger 1979 als freier Autor in München nieder. 1980 begann er mit einem Freund, dem chilenischen Schriftsteller Gaston Salvatore, ein Verlagsabenteuer. Die aufstrebende Literaturzeitschrift „TransAtlantik“ überlebte jedoch nur zwei Jahre.

1985 gründete Enzensberger zusammen mit dem Buchkünstler Franz Greno die Buchreihe „Die andere Bibliothek“ im linken Eichborn-Verlag, in der er Klassiker und vergessene Schätze sowie Erstausgaben von Autoren anderer Kulturkreise liebevoll auswählte und druckte. Heute gehören diese Bände zu den bibliophilen Kostbarkeiten in den Regalen ausgewählter Büchersammler. Mit verlegerischem Gespür für Talent brachte er erstmals literarische Reportagen auf den deutschen Buchmarkt. Zu seinen Entdeckungen gehört der polnische Autor und Journalist Ryszard Kapuscinski. Aber auch die Karrieren namhafter Schriftsteller und Dichter wie Raoul Schrott, Irene Dische, Christoph Ransmayer und WG Sebald hat er maßgeblich beeinflusst.

Wasserzeichen der Poesie

Nach längerer Produktionspause kehrte Enzensberger 1991 als Dichter zurück – mit dem Gedichtband „Zukunftsmusik“. Als Essayist mischte er sich immer wieder in aktuelle Debatten ein, kommentierte den Irak-Krieg, Genforschung und umstrittene Intelligenztests. Seinem Text „Im Labyrinth der Intelligenz. Ein Idiotenführer“ folgte 2007 ein öffentlicher Diskurs quer durch alle Feuilletons. 2008 kehrte Enzensberger zu seinen Wurzeln zurück: mit federleichten Liebesgedichten. „Das Wasserzeichen der Poesie“ selbst wird zum Klassiker der Weltliteratur. Er schrieb lieber „Geschichten mit Wolken“, wie er feststellte.

Mit „Tumult“ veröffentlichte er dann 2014 seinen ersten Text mit leicht autobiografischen Zügen, wie er in einem Interview mit dem Spiegel sagte. „Geständnisse sind nicht meine Stärke. Es liegt mir fern, meine Seelenlandschaft der Öffentlichkeit zu präsentieren.“ Den Monolog des 85-Jährigen mit seinem jungen Alter Ego, den er in „Tumult“ begann, führte er in seinem 2018 erschienenen autobiografischen Fotoband fort. Während sich der erste Band auf die Jahre 1967 bis 1970 konzentriert, „Eine Handvoll Anekdoten“ (2018) geht weiter zurück. Im Dialog mit „M.“, dem jungen Ich, geht es um seine Kindheits- und (Vor-)Kriegserfahrungen. Laut der Süddeutschen Zeitung blieb Enzensberger trotz weiterer persönlicher Erkenntnisse seinem Credo treu, „sich nicht in die Karten schauen zu lassen“.

Riesiges Aufgabengebiet

Dass Enzensberger nicht nur unter eigenem Namen, sondern auch unter fiktiven Namen publizierte, passt zum Prinzip der Tarnung. Sein bekanntestes Pseudonym war das von Andreas Thalmayr, unter dem er 2018 ein unterhaltsames Handout für angehende Autoren („Schreiben für ewige Anfänger“) und 2019 den Prosaband „Louisiana Story“ veröffentlichte. Zwei seiner Pseudonyme sind sogar weiblich: Elisabeth Ambras und Linda Quilt. Erstere war auch 2019 noch literarisch aktiv: Sie veröffentlichte „Fremde Geheimnisse“.

Das ohnehin schon umfangreiche Werk von Hans Magnus Enzensberger umfasst somit einige weitere Titel, die nicht bei Suhrkamp, ​​sondern im Hanser Verlag oder Cupido Books erschienen sind. Irgendwann muss seine Bibliographie um weitere Titel ergänzt werden. Wer weiß, wie viele andere Pseudonyme Enzensberger noch verwendet oder verwendet hat, die ihm noch nicht zugeordnet wurden. Mit Codenamen ist das bekanntlich so eine Sache.

Enzensberger war Vater zweier Töchter: Tanaquil, Jahrgang 1957, stammte aus erster Ehe mit der Norwegerin Dagrun Kristensen, Theresia, Jahrgang 1986, aus dritter Ehe mit der Journalistin Katharina Bonitz. In zweiter Ehe war Enzensberger Ende der 1960er Jahre mit der Russin Maria Makarova verheiratet. Über diese Episode in seinem Leben sagte er in seinem autobiografischen Werk „Tumult“, dass es einem „russischen Roman“ ähnele.

Enzensberger ist nun im Alter von 93 Jahren in München gestorben, wie sein Verleger Suhrkamp am Freitag mitteilte.