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„Grump“ von Mika Kaurismäki: Deutsch-finnischer Horror (nd-aktuell.de)


Grump (Heikki Kinnunen) erlebt stereotype Abenteuer in Deutschland.

Foto: Arsenal Filmverleih/Christine Schroeder

Der Film, auf den weiter unten eingegangen wird, hat genau anderthalb gute Minuten. Ein alter Mann (Heikki Kinnunen) fährt mit seinem roten Ford Escort einen Feldweg hinunter und seine Erinnerungen vermischen sich mit der Realität – ein kurzer Moment der Irritation, ein Unfall. Damit wird die Handlung des Films »Grump« von Mika Kaurismäki, dem Bruder von Aki Kaurismäki, ins Rollen gebracht. Oder besser: zum absoluten Stillstand. Aber eins nach dem anderen.

Der Ford Escort hat einen Totalschaden, der alte Mann namens Grump brennt darauf, ihn durch das gleiche Modell zu ersetzen, das er mit Hilfe seines Nachbarn Kohlemainen (Silu Seppälä) in Deutschland ausfindig macht. Also macht sich Grump auf den Weg, begleitet von allerlei unglücklichen Ereignissen, die amüsant unterstreichen sollen, wie wenig er noch mit der modernen Welt in Berührung kommt. Schließlich lebt er isoliert auf seiner Farm im finnischen Hinterland, seine Frau ist längst gestorben, seine Söhne Pekka (Ville Tiihonen) und Hessu (Likka Forss) leben entfremdet in der Stadt.

Leider sind die beschriebenen unglücklichen Episoden überhaupt nicht amüsant oder absurd, sondern frönen dem schlimmsten Boomer-Humor. Die Bank gibt kein Bargeld mehr aus, die Flugkontrollen sind sehr streng geworden und in Deutschland herrscht ein Missverständnis über die Mehrdeutigkeit des Begriffs „Eskorte“. Das führt Grump zu seinem älteren Bruder Tarmo (Kari Vaananen), der sich vor Jahrzehnten vom Idioten des Landlebens verabschiedet hat und im Wohnmobil durch die Weltgeschichte reist. Jetzt ist er in einem „Aussteigerlager“ in Hamburg gelandet.

Grump und Tarmo hatten den Kontakt wegen sentimentaler Geschichten über ihr Engagement in der Vergangenheit abgebrochen, doch im Lager der Aussteiger, die allesamt aus der lohnabhängigen Mittelschicht stammen und sich den „Aussteiger“ vermutlich leisten können, finden die beiden wieder zueinander . Der eine konservativ-geschlossen, der andere offen-hippiesk, aber alle sind sich einig, dass die neuen Zeiten und die neuen Generationen einfach ein bisschen verrückt sind. Veganismus, Handys, Städte: Stoff für Witze, die garantiert niemanden zum Lachen bringen, der diesen Film sieht. Am Ende des Tages sitzt Samu Haber (Kenner des deutschen Casting-Unsinns haben richtig gelesen, alle anderen dürfen das Internet nutzen) am Lagerfeuer und singt kitschige Grütze über Familie und Leben. Aber auch diese schwindende Freiheit, die im »Aussteigerlager« zelebriert wird, ist den Machern des Films offenbar zu radikal und kann daher nicht das glückliche Ziel einer Hauptfigur sein.

Nach den Maßstäben eines Werbeprospekts einer Outdoor-Firma ist Tarno „frei“ und flieht nur vor einem Streit mit seiner Tochter Maria (Rosalie Thomas), die er wie ihre Mutter vor Jahren verlassen hat. Völlig teilnahmslos reiten die beiden älteren Brüder nun auf Maria zu, was zunächst wenig überraschend ihrerseits auf Widerstand stößt. Aber wie es im Drehbuch heißt, hat Tarno ein Herzleiden, und solche Tragödien der Natur neigen dazu, alle sozialen Wunden in der Kulturindustrie zu heilen. Während also Grump und Tarno auf ihrem Roadtrip durch Deutschland sind, der in Bildern erzählt wird, die direkt aus den Tourismusabteilungen der jeweiligen Wirtschaftsministerien der besuchten Bundesländer stammen könnten, müssen sich Grumps Söhne um den Hof kümmern.

Auch hier kommt Herzerwärmendes ans Licht, und die harte körperliche Arbeit auf dem Boden des Vaters führt zu weiteren vermeintlich tiefen Einsichten. Der hochrangige Finanz-Yuppie Pekka versöhnt sich mit seiner Frau, nachdem er auf ihr gemeinsames Vermögen gesetzt hat, und Vater aus einem Vorort, Hessu, erkennt, dass es sein Schicksal ist, seinen Kindern, die von der schrecklichen digitalen Welt halb im Stich gelassen wurden, gesunde Kinder zu geben, die eine Beziehung aufbauen.

Am Ende des Films sitzt das ganze Gepäck auf Grumps Hof, ein Jahr ist vergangen. Tarmo erholte sich natürlich von seinem Herzleiden; jetzt sind er, Tochter Maria und Enkel Max zu Besuch. Nach einem »Sabbatical« haben Pekka und seine Frau ein neues (Investitions-)Objekt der Begierde gefunden: eine eigene Zikadenfarm auf der Farm ihres Vaters – das »Lebensmittel der Zukunft«, wie sie es sehen. Hessu und seine Frau haben ein weiteres Kind bekommen, das Glück in der Einfamilienhaushölle ist noch ein paar Jahre gerettet. So triumphierten die Horden von Brüdern über den (strengen, abwesenden) Vater, im postmodernen Kapitalismus nicht mehr – wie bei Sigmund Freud – über den symbolischen Mord, sondern in der sensiblen Auseinandersetzung mit dem, was er und man einander antat.

Man sitzt im Garten und genießt die »ganz einfachen« Dinge. Die bürgerliche Familie 2.0 braucht keinen strengen Vater mehr und keinen bestimmten Kern, nur das Netzwerk zählt. Freilich immer in den Eigentums- und Produktionsbedingungen der kapitalistischen Produktionsweise und unter ihren Zwängen. Apropos Brüderschar: Das Frauenbild in diesem Film ist erschreckend. Entweder tritt die Frau hier als Gebärmaschine auf oder als geldhungrige Chefin, die aufgeräumt werden muss. Obwohl Maria als alleinerziehende und beruflich erfolgreiche Mutter dargestellt wird, bleibt die Figur blass und existiert nur in Beziehung zu ihrem verkorksten Vater. Im Grunde bleibt dieser neue Familientyp erzreaktionär. »Grump« ist die Schreckensvision des Zusammenlebens, die auf die Leinwand gebracht wird und entsteht, wenn Geldgeberbürokraten und Marktblinker ihre Köpfe zusammenstecken. Es gibt bessere Mittwochabendfilme in der ARD.

»Grump«, Deutschland/Finnland 2022. Regie: Mika Kaurismäki; Buch: Daniela Hakulinen, Tuomas Kyrö. Darsteller: Heikki Kinnunen, Kari Vaananen, Ville Tiihonen. 109min. Jetzt im Kino.



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