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Deutschland Nachrichten

Geplante Legalisierung von Cannabis: Welche Folgen das Rauchen von Gras haben kann



Hintergrund

Stand: 26.10.2022 11:14 Uhr

Die Bundesregierung will den Cannabiskonsum legalisieren. Welche gesundheitlichen Folgen hat das Rauchen von Gras? Welche Hoffnungen sind mit dem Schritt verbunden?

Elena Weidt und Veronika Simon, SWR

Cannabis ist die beliebteste illegale Droge bei Jugendlichen und Erwachsenen in Deutschland. Zehn Prozent aller Jugendlichen haben bereits Cannabis konsumiert. Diese Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt. Obwohl Cannabis nicht zu den „harten Drogen“ wie Heroin oder Crystal Meth gehört, ist das Rauchen von Gras nicht ganz ungefährlich. Am Anfang ist es ab und zu nur ein Joint, aber es kann zur Sucht werden. Experten schätzen, dass rund zehn Prozent der Menschen weltweit, die Cannabis konsumieren, ein gestörtes Konsumverhalten haben, also süchtig sind. Dies kann zu körperlichen Entzugserscheinungen führen, aber was noch wichtiger ist, die psychischen und sozialen Folgen der Cannabissucht können schwerwiegend sein.

Schon maßvoller Konsum birgt ein Risiko: Der Rauch schädigt die Lunge und regelmäßiges Rauchen erhöht das Herzinfarktrisiko auch bei jungen Menschen. Hinzu kommen schwerwiegende psychische Folgen, die durch Cannabiskonsum ausgelöst werden können – zum Beispiel Psychosen.

Studien: Psychotische Schübe wahrscheinlicher

Viele Studien zeigen, dass intensiver Cannabiskonsum Psychosen auslösen kann, insbesondere bei Jugendlichen. Je häufiger der Konsum und je jünger der Raucher, desto größer das Risiko. Eine europaweite Studie zeigt, dass tägliche Cannabiskonsumenten dreimal häufiger psychotische Episoden erlebten als Menschen, die noch nie Cannabis konsumiert hatten.

War besonders viel des Inhaltsstoffs THC im Joint, kam es sogar zu fünfmal mehr Psychosen. Dazu passen Daten der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm: 2019 beobachteten die Forscher fast achtmal mehr Cannabis-Psychosen als 2011. Im gleichen Zeitraum ist der THC-Gehalt in vielen Gelenken deutlich gestiegen.

Ob Cannabis aber wirklich der einzige Grund für die Psychosen ist, ist noch umstritten. Vermutlich betrifft das Risiko vor allem Jugendliche mit einer erhöhten Anfälligkeit für diese Erkrankung. Ulrich Preuss, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin, warnt daher: „Menschen mit Angehörigen, die an Psychosen leiden oder selbst im Kindes- und Jugendalter psychotische Symptome hatten, sind Risikopersonen, die Cannabis nicht anfassen sollten.“ Es besteht ein hohes Risiko, dass der Konsum langfristig zu einer schweren, psychiatrischen Erkrankung führt. Nicht nur Psychosen: Auch die Wahrscheinlichkeit, Depressionen, Angststörungen oder bipolare Störungen zu entwickeln, ist bei regelmäßig hohem Cannabiskonsum im Jugendalter höher.

Das Rauchen von Gras verändert das junge Gehirn

Eine Studie mit 800 Teenagern zeigt, dass Cannabis auch bleibende Schäden verursachen kann. In Gehirnscans war die Großhirnrinde von jugendlichen Cannabiskonsumenten in bestimmten Bereichen signifikant dünner als in der Vergleichsgruppe, die kein Gras geraucht hatte. Betroffen war genau die Region des Gehirns, die für die Steuerung von Impulsen, das Lösen von Problemen und das Planen von Handlungen wichtig ist: der präfrontale Kortex.

Verhaltenstests zeigten: Die Teenager mit den auffälligen Gehirnscans waren impulsiver und konnten sich schlechter konzentrieren als andere Teenager. Je mehr Cannabis die jungen Probanden konsumiert hatten, desto ausgeprägter waren die Folgen. Wichtig zu beachten ist, dass das Frontalhirn erst ab Mitte 20 vollständig ausgereift ist, dann ist das Risiko durch Cannabiskonsum deutlich höher. Das heißt: Auch 18-jährige Kiffer können ihr Gehirn noch dauerhaft schädigen. Darüber hinaus zeigen andere Studien, dass Jugendliche mit hohem Cannabiskonsum bei Intelligenztests im Durchschnitt später schlechter abschneiden als Erwachsene und auch in Schule oder Studium tendenziell weniger erfolgreich sind. Ob das wirklich am Cannabis oder am Lebensstil liegt, bleibt abzuwarten.

Ob Cannabiskonsum bei Erwachsenen jedoch Langzeitfolgen haben kann, ist wissenschaftlich noch umstritten.

Der Vergleich mit anderen Medikamenten bleibt zurück

Ein häufiges Argument für die Legalisierung von Cannabis ist, dass auch andere Drogen wie Alkohol oder Tabak in Deutschland legal gekauft und konsumiert werden können. Und diese Medikamente können auch schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben.

Für Preuss macht dieser Vergleich wenig Sinn. Zum einen ist die Wirkung dieser Medikamente im Körper völlig unterschiedlich und nicht vergleichbar. Und es gibt historische Gründe, warum Alkohol und Tabak in Deutschland legal sind. Auch Alkohol, so Preuss, wäre heute wohl nicht mehr als Lebensmittel und schon gar nicht als Medizin erlaubt. Und Tabak auch nicht, denn heute wissen wir, welche negativen Folgen diese Stoffe haben. Das Beispiel Alkohol zeigt auch, dass Altersgrenzen nur bedingt verkaufsfördernd sind – Jugendliche in Deutschland hätten Zugang zu alkoholischen Getränken, wenn sie wollten.

Cannabis legal auf Rezept

Bislang ist Cannabis in Deutschland nur auf Rezept legal. Ärzte können seit 2017 medizinisches Cannabis verschreiben, um zum Beispiel Schwerkranke von Schmerzen zu befreien. Cannabis bleibt für den Freizeitkonsum illegal.

Trotzdem ist Cannabis laut Drogenreport die beliebteste Droge bei Jugendlichen. Dies zeigt, dass das Verbot offenbar nur bedingt funktioniert und sogar zu höheren Gesundheitsrisiken führen könnte. Eine Legalisierung könnte zumindest die Qualität verändern, in der das Medikament vermarktet wird.

Gefahr durch kontaminiertes Cannabis

Im April 2021 warnten das Bundeskriminalamt und das Zollkriminalamt vor kontaminiertem Cannabis, da sie vermehrt Produkte mit synthetischen Wirkstoffen, den sogenannten synthetischen Cannabinoiden, fanden. Im ersten Quartal dieses Jahres beschlagnahmte der Zoll rund 150 Kilogramm dieses aus der Schweiz und den Niederlanden importierten Cannabis.

Eine Kontamination mit Heroin ist dem Bundeskriminalamt in Deutschland nicht bekannt. Auch Professor Volker Auwärter, Leiter der Forensischen Toxikologie an der Universität Freiburg, warnt vor den versteckten Gefahren von Beimischungen: „Konsumenten können nicht zwischen ‚normalem‘ Cannabis und diesem manipulierten Material unterscheiden, da es sich in Aussehen, Geruch und im Geschmack nicht unterscheidet unterscheiden sich voneinander. Synthetische Cannabinoide sind deutlich gefährlicher als THC, sowohl in Bezug auf akute Wirkungen als auch auf mittelfristige Folgen.“ Synthetische Cannabinoide gehören zur Gruppe der psychoaktiven Substanzen, die die Wirkung der Droge verstärken und unkontrollierbar machen können. Die Nebenwirkungen reichen von Erbrechen über Wahnvorstellungen bis hin zum Kreislaufkollaps.

Laut den Drogenberichten 2019 und 2020 war die Todesursache bei insgesamt 10 Personen eine „Vergiftung mit synthetischen Cannabinoiden“. Diese toxischen Mischungen könnten durch Legalisierung und etablierte Qualitätsstandards reduziert werden.

Stärkeres Unkraut, höheres Risiko

Ein weiteres Problem ist der steigende THC-Gehalt in Cannabis, der immer stärkere Rauschwirkungen hervorruft. Eine englische Studie konnte zeigen, dass sich der THC-Anteil in Europa zwischen 2006 und 2016 verdoppelt hat: von rund acht auf 17 Prozent. Gleichzeitig hat der zweite Hauptwirkstoff in Cannabis, Cannabidiol (CBD), der die negativen Aspekte von THC dämpfen kann und auch gerne medizinisch genutzt wird, oft abgenommen.

Die Forscher bringen stärkeres Cannabis mit einer Zunahme von Konsumenten in Verbindung, die zum ersten Mal wegen Drogenproblemen behandelt werden. Es gibt viele wissenschaftliche Beweise dafür, dass dieses Cannabis bei jüngeren Menschen besonders süchtig machen kann, es hat einen größeren Einfluss auf das Gedächtnis und die Entwicklung von Paranoia. Die Forscher konnten auch zeigen, dass Menschen, die an Psychosen leiden, normalerweise Cannabis mit viel THC konsumierten. Die Kontrollgruppe ohne psychische Erkrankung hingegen konsumierte eher schwaches Cannabis.

Das Gesundheitsrisiko von Cannabis hängt davon ab, ab welchem ​​Alter Sie welches Cannabis wie oft konsumieren. Die Festlegung einer Altersgrenze, eines THC-Höchstgehalts und einer Kennzeichnungspflicht für Zusatzstoffe könnte das Gesundheitsrisiko deutlich reduzieren.

Ist Cannabis wirklich eine Einstiegsdroge?

Nach den Ergebnissen des Epidemiologischen Suchtsurveys 2019 haben rund sieben Prozent aller Erwachsenen im Alter von 18 bis 64 Jahren in Deutschland innerhalb eines Jahres Cannabis konsumiert, bei den 12- bis 17-Jährigen sind es sogar acht Prozent. Bei allen anderen Substanzen ist der Anteil deutlich geringer: 1,2 Prozent der Jugendlichen und 2,3 Prozent der Erwachsenen haben in einem Jahr irgendeine andere illegale Droge konsumiert. Diese Zahlen deuten nicht darauf hin, dass Kiffer automatisch zu anderen härteren Drogen wechseln.

Eine internationale Studie kommt zu dem Schluss, dass die Vermeidung bestimmter Einstiegsdrogen nicht zwangsläufig den späteren Konsum anderer Drogen reduziert. Es wurde auch beobachtet, dass die Reihenfolge des Konsums in den untersuchten Ländern sehr unterschiedlich ist, es gibt sogar Länder wie Japan, in denen andere illegale Drogen als Cannabis häufiger vorkommen. In Ländern wie den USA und Neuseeland mit sehr hohen Cannabisraten ist der Studie zufolge der Konsum von Cannabis sogar extrem selten, noch vor Alkohol und Tabak. Derik Hermann, Psychiater und Chefarzt des Therapievereins Ludwigsmühle, sagt: „Die überwiegende Mehrheit der Cannabiskonsumenten hat zuvor Alkohol und Tabak konsumiert, daher sehe ich Alkohol und Tabak eher als Einstiegsdroge als Cannabis.“

Steigert die Legalisierung das Verbraucherverhalten?

Es ist nicht einfach, aus den vorliegenden Studien eindeutige Ergebnisse zum Verbraucherverhalten vor und nach der Legalisierung abzulesen. Auch, weil in den Studien unterschiedliches Konsumverhalten, von täglich bis gelegentlich, sowie Personengruppen unterschiedlichen Alters abgefragt wurden. Von einer Explosion der Zahlen ist jedoch nichts zu spüren, aber auch kein Rückgang. Cannabis ist in Kanada seit drei Jahren für Erwachsene legal, und der Konsum wird seitdem sehr genau überwacht. Im Jahr 2020 gaben rund 35 Prozent der 18- bis 24-jährigen Befragten an, in den letzten drei Monaten Cannabis konsumiert zu haben, eine Zahl, die sich gegenüber 2019 nicht verändert hat.

Die Datenlage für Jugendliche ist unzuverlässig und es lässt sich noch keine Entwicklung daraus ableiten. Für 2020 waren es 19 Prozent. Hier sind also weitere Aufzeichnungen erforderlich, um einen langfristigen Trend erkennen zu können. Insgesamt ist ein leichter Anstieg zu beobachten. Fast acht Prozent aller Kanadier ab 15 Jahren konsumieren es heute täglich oder fast täglich, verglichen mit rund fünf Prozent vor der Legalisierung. Knapp 70 Prozent der Befragten gaben an, das Cannabis legal in einem Geschäft gekauft zu haben, was zumindest eine gewisse Kontrolle über den Käufer, die Menge und Qualität zulässt und für eine Legalisierung spricht.

Bessere Therapie möglich

Momentan würden Cannabiskonsumenten auf dieses Merkmal als kriminelle Kiffer reduziert, sagt Heino Stöver, Direktor des Instituts für Suchtforschung in Frankfurt am Main. Das bedeutet auch, dass Hilfsangebote nicht angenommen werden. Nicht jeder Jugendliche, so Stöver, werde darüber aufgeklärt, dass eine Schweigepflicht besteht. Solche Unsicherheiten führen dazu, dass manche Patienten keine Behandlung in Anspruch nehmen, wenn sie diese benötigen.

Solche Hilfsangebote könnten durch eine Legalisierung von einer geringeren Stigmatisierung profitieren. Jugendliche könnten mit ihren Eltern oder in der Therapie offener darüber sprechen und in der Schule anders informiert werden. Das wäre sinnvolle Prävention. Auch Beratungseinrichtungen könnten so einen ehrlicheren und glaubwürdigeren Diskurs führen und ihre Therapieangebote besser auf die Bedürfnisse junger Menschen ausrichten.

Legalisierung von Cannabis: Ampelparteien sollen sich geeinigt haben

Jan Zimmermann, ARD Berlin, 20.11.2021 06:43 Uhr

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