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Gedämpftes Konsumklima: „Die Kauflust ist weg“


Stand: 27.10.2022 15:17 Uhr

Was kann ich mir noch leisten? Diese Frage stellen sich derzeit viele Deutsche. Das Konsumklima ist schlechter als während der beiden Corona-Lockdowns, als der Einzelhandel schließen musste.

Von Susanna Zdrzalek, WDR

Auf den ersten Blick sieht in Münsters Fußgängerzone alles aus wie immer. Es ist voll, die Leute schlendern durch die Stadt, stöbern in den Geschäften. Doch die richtige Kauflaune stellt sich bei vielen nicht ein. „Die Kauflust ist weg“, berichtet ein Passant. „Man überlegt viel länger, ob man wirklich das Kleid oder die Hose kauft.“

Inflation dämpft und lockt gleichermaßen

Auch Karin Eksen vom Münsteraner Handelsverband beobachtet eine Zurückhaltung bei Impulskäufen und teuren Anschaffungen sowie eine insgesamt verhaltene Kauflust. Das liegt an den Energiekosten, die für viele noch nicht kalkulierbar sind. Wenn Sie hohe Reserven haben, halten Sie sich nicht so sehr zurück. „Aber Leute, die nicht so leicht verdientes Geld haben, müssen jetzt genauer überlegen, was sie sich überhaupt leisten können.“

Einige würden auch überlegen, was sie jetzt kaufen, anstatt in ein paar Monaten, wenn das Produkt aufgrund der Inflation möglicherweise teurer geworden ist. „In Zeiten hoher Heizkosten investieren manche schnell in warme Kleidung“, sagt Eksen.

Keine Trendwende trotz verbessertem Klima

Die Daten der GfK zum Konsumklima stimmen mit Eksen überein. Im September stürzte der Wert auf minus 36,8 Punkte. Für Oktober verzeichnet die GfK einen Wert von minus 42,8 Punkten. Damit sei das Konsumklima schlechter als während der beiden Corona-Lockdowns, als der Einzelhandel schließen musste, sagt GfK-Experte Rolf Bürkl. „Die Einkommensperspektiven der Menschen sind schlechter als damals. Die hohen Energie- und Lebensmittelpreise führen zu einer hohen Inflation, die an der Kaufkraft nagt.“

Obwohl GfK für November eine leichte Verbesserung der Verbraucherstimmung prognostiziert, ist dies laut Bürkl noch keine Trendwende. Denn noch ist nicht klar, inwieweit die von der Regierung beschlossenen Maßnahmen zur Deckelung der Energiepreise die Inflation dämpfen werden. „Solange die Inflation hoch bleibt und Zweifel an einer uneingeschränkten Energieversorgung bestehen, wird sich das Konsumklima nicht spürbar und nachhaltig erholen können.“

Deutsche sind besonders sensibel

Erfahrungsgemäß seien Preiserhöhungen in Deutschland immer ein sensibler Bereich, erklärt Bürkl. Das könnte auch mit der historischen Erfahrung von Hyperinflation und Währungsreformen zusammenhängen, die viele noch aus Erzählungen der Großeltern oder aus dem Geschichtsunterricht kennen. „Diese Inflation von rund zehn Prozent hatten wir zuletzt in den 1950er Jahren. Die meisten, die heute leben, haben sie nicht bewusst erlebt.

Die Notenbanken hätten in den vergangenen Jahrzehnten immer stark auf Preisstabilität geachtet, und die Verbraucher hätten den Eindruck, dass sie sich darauf verlassen könnten, sagt Bürkl. Diese Verlässlichkeit ist nun der Unsicherheit gewichen. „Aktuell muss man davon ausgehen, dass die Inflationsrate hoch bleibt.“ Das beunruhigt viele.

Anpassungen beim Lebensmitteleinkauf

Wie mit der aktuellen Situation umgehen? In einem Mehrfamilienhaus in Leverkusen-Rheindorf leben viele Menschen, die nicht viel Erspartes haben. Viele hier haben ihr Kaufverhalten längst angepasst, berichtet Bewohnerin Gabriele Mitsanis. „Früher haben wir mehrmals die Woche Fleisch gegessen, jetzt nur noch einmal die Woche. Da muss man wirklich jeden Cent umdrehen.

Andere, wie Renate Thut, berichten, dass sie anders kochen – etwa mehr Eintöpfe und Kartoffelgerichte – und weniger wegwerfen. „Ich glaube nicht, dass die nächsten Monate einfach werden. Du hast Angst vor der Zukunft“, sagt Mitsanis.

Boom der Sozialkaufhäuser

Im Bonner Sozialkaufhaus am Brüser Berg erleben sie einen gegenläufigen Trend: Die Zahl der Kunden steigt. Es gibt Kinderjacken, Damenblusen und Herrenhosen, Schuhe in allen Farben und Größen – und dazwischen viele Menschen, die schauen und anprobieren. Nach Angaben der Betreiber kommen täglich etwa 200 Menschen hierher; darunter eine wachsende Zahl von Menschen aus der Mittelschicht.

Eine von ihnen ist Naima Bulkhrif. Sie kauft Hosen für ihre Tochter. „Meine Tochter will immer was Neues. Aber das kann ich mir im Moment nicht wirklich leisten, da gibt es momentan andere Prioritäten.“ Sie spart ihr Geld lieber für Strom- und Heizkosten, für teurere Lebensmittel. Schließlich sei es nachhaltiger, so einzukaufen: „Es wäre auch schade, Dinge, die noch gut sind, einfach wegzuschmeißen.“

Der Einzelhandel ruft um Hilfe

Der Einzelhandel rechnet hingegen mit sinkenden Einnahmen aufgrund der nachlassenden Kauflust der Menschen. Das sei den Unternehmern und ihren Mitarbeitern ein großes Anliegen, sagt Verbandssprecherin Eksen aus Münster. „Die Gewinnspannen im Einzelhandel sind sehr gering, oft betragen sie nur zwei Prozent des Gesamtumsatzes.“

Viele Einzelhändler haben einfach nur wenig Spielraum, um die gestiegenen Kosten für Strom und Heizung auch für sie aufzufangen. Eksen fordert staatliche Fördermaßnahmen für sie – um zu verhindern, dass viele Unternehmen vom Markt verschwinden.

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