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Fußball-WM in Katar: Freizeitsport (nd-aktuell.de)


Beim Sportwaschen glänzt der WM-Pokal besonders golden. Neben Katar versuchen das auch andere arabische Staaten.

Foto: imago/Uwe Kraft

Wie Sie die Welt sehen, hängt ganz von der Perspektive ab. Im Land der schlecht gemanagten „One Love“-Armbinde, deren Nationalmannschaft bereits gedemütigt nach Hause zurückgekehrt ist und ihren allmächtigen Manager verloren hat, wird diese WM sicherlich als komplettes Desaster in die Annalen eingehen. In der Region des Gastlandes sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. Der Triumph Marokkos über Portugal und der damit verbundene historische Einzug ins WM-Halbfinale führte zu einer neuen Form panarabischen Nationalgefühls. Auf solche emotionalen Wellen hatten die Organisatoren der ersten Fußballweltmeisterschaft in einem arabischen Land gehofft. „Wir wollen die WM zu einem Fest für Fußballfans aus der arabischen Welt machen, die so etwas bisher nur aus der Ferne erleben konnten“, erklärte Hassan Al Thawadi, Leiter des WM-Organisationskomitees „nd“, bei einem früheren Besuch. Jetzt gibt es dieses Fest. Auch der überraschende Sieg Saudi-Arabiens gegen Argentinien trug zur Stärkung des Selbstvertrauens bei.

Auch politisch erntet das Gastgeberland einige Früchte. Die starken Männer der seit langem mit Doha verfeindeten Regionalmächte Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate zollten bei dem Sportereignis erstmals seit der Festlegung der Boykottstrategie der vergangenen Jahre ihre Aufwartung. Bei der Eröffnungsfeier war Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman anwesend, der Mann, der nach US-Ermittlungen die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi angeordnet hatte. Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani begrüßte ihn offiziell als „Bruder“ und betonte eine „gemeinsame Geschichte“ und ein „gemeinsames Schicksal“.

Vor wenigen Tagen traf auch der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed al-Nahyan, in Doha ein. Er lobte die WM als „Erfolg und Ehre für alle Golfstaaten“. Gerade im Sport haben die drei Herrscher viele Interessensüberschneidungen. Katars Al Thani war noch Kronprinz bei jenem legendären Dinner im November 2010 mit Frankreichs damaligem Präsidenten Nicolas Sarkozy, Fußball-Multifunktional Michel Platini und dem Präsidenten des Fußballclubs Paris St. Germain, Sébastien Bazin, das die Welt des Fußballs massiv veränderte. Bei dem Treffen wurde Platini für die WM in Katar gestimmt. Beim Abendessen mit Sarkozy wurde auch über den Verkauf von Paris St. Germain an den Staatsfonds von Katar gesprochen. Die Staatskasse schickte nach den 70 Millionen Euro beim Kauf allein weitere 1,589 Milliarden Euro an Ablösesummen. Nur um den Quantensprung zu verdeutlichen: Mit dem Kauf durch Katar stieg das Transfervolumen von neun Millionen Euro in der vergangenen Saison unter den alten Eigentümern auf 107 Millionen Euro im Folgejahr.

Das waren Jahre des Kaufrauschs. 2008 erwarb die von einem Mitglied der Herrscherfamilie der Emirate geführte Abu Dhabi United Group für 212 Millionen Dollar den Premier-League-Klub Manchester City – und zahlte in der Folge allein 2,289 Milliarden Euro an Ablösesummen. Der Investorengruppe, die jetzt City Football Group heißt, gehören nun auch New York City FC, Melbourne City FC, Girona FC sowie Klubs in Japan, Indien und Uruguay an.

Im Jahr 2021 zog der Staatsfonds von Saudi-Arabien nach und erwarb den Premier-League-Klub Newcastle United für 409 Millionen US-Dollar. Die Ausgabenbilanz scheint seitdem mit 266 Millionen Euro in den letzten beiden Spielzeiten im Vergleich zu Manchester City und PSG geradezu sparsam. Bundesliga-Branchenprimus Bayern München gab im gleichen Zeitraum 195 Millionen Euro aus. Das ist schon eine Summe jenseits normaler Werte. Aber es hebt auch die wachsenden Diskrepanzen zwischen traditionell geführten Clubs und solchen hervor, deren Bilanzen durch Petro- und Gasdollars aufgebläht werden. Hier scheint die Tendenz zu sein, dass Grenzen nur dazu dienen, verschoben zu werden.

In diesem Sinne kann man auch die Aufwertung Saudi-Arabiens als Sportinvestor verstehen. Nach Analysen der Londoner Menschenrechtsorganisation Grant Liberty hat Saudi-Arabien bereits mindestens 1,5 Milliarden Dollar in den globalen Weltsport investiert. Allein die Lizenzen zur Austragung der Supercups der spanischen Liga und der italienischen Serie A kosteten insgesamt 169 Millionen Euro. Die Verbände scheffeln gerne Geld, ebenso die Fußballklubs, die Sponsorenverträge mit den Fluggesellschaften der Golfstaaten haben, die Golfprofis der alternativen LIV-Serie oder die Rennradteams, die aus Bahrain United bestehen Arabische Emirate und Saudi-Arabien. Arabien finanzieren. Dies betrifft die Teams Bahrain Victorious und VAE mit ihren jeweiligen Hauptsponsoren. Durch Co-Sponsoring und Kooperationsvereinbarungen fließt bereits saudisches Geld in die Teams von BikeExchange und Movistar.

Diese Investitionen gehen weit über das normale Sportsponsoring hinaus. Beim Sportsponsoring wollen Unternehmen oder Länder vom positiven Image des Sports profitieren, sich einen respektierteren Platz in der globalen Gemeinschaft erobern und – im Falle von Unternehmen – mehr potenzielle Verbraucher erreichen. Sollen jedoch insbesondere Menschenrechtsverletzungen über den Sport verschleiert werden, spricht man seit Anfang dieses Jahrhunderts von Sportwashing. Vergleichbar ist dies mit Greenwashing, bei dem Unternehmen vor allem durch symbolische Aktionen ein »grüneres« und nachhaltigeres Image schaffen wollen. Solche Schönfärberei ist in Saudi-Arabien, Katar, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten offensichtlich. In einem Menschenrechtsranking der britischen Nichtregierungsorganisation Global Change Data Lab belegten sie Platz 161 (Katar) bis 187 (Saudi-Arabien) von 192 Nationen. Schweden liegt hier auf Platz eins, Deutschland auf Platz neun.

Gewicht im Ranking haben unter anderem die an Sklaverei erinnernden Ausbeutungspraktiken von Wanderarbeitern, die im Fall von Katar während der WM größere Aufmerksamkeit erhielten. In anderen Ländern der Region sind sie die Norm, manchmal sogar noch mehr. „Ich würde lieber in Katar arbeiten als in Saudi-Arabien, da hat man noch weniger Rechte“, sagte ein Bauarbeiter aus Nepal „nd“ vor sieben Jahren in Doha. Auch die strukturelle Benachteiligung von Frauen spielt bei der schlechten Platzierung eine Rolle. Auch in Saudi-Arabien kommt es zu gewaltsamen Ausschreitungen wie der perfiden Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi durch mutmaßliche Vertraute von Kronprinz Mohammed bin Salman – dem starken Mann hinter der Sportoffensive des Königreichs. In Bahrain ist das brutale Vorgehen gegen die Demonstrationen des Arabischen Frühlings im Februar und März 2011 Teil der negativen Agenda. Dort profilierte sich Prinz Nasser, der Initiator des Fahrradprojekts, unrühmlich als »Folterprinz«, so Aussagen festgenommener Oppositioneller. In den Vereinigten Arabischen Emiraten sorgte die Praxis der Herrscherfamilie, zwei rebellische Prinzessinnen aus Großbritannien zu entführen, für internationale Empörung. Im Jahr 2000 wurde Prinzessin Shamsa, Tochter des derzeitigen Premierministers der Vereinigten Arabischen Emirate, gegen ihren Willen aus London in die Emirate zurückgebracht und dort festgehalten. 2018 erging es ihrer Schwester Latifa genauso. In diesem Zusammenhang mutet es wie Hohn an, dass der VAE-Rennstall nun auch ein Frauenteam hat und mit dem Slogan wirbt, man wolle Frauen durch Radsport zu Heldinnen machen.

Protestaktionen des Sports gegen Menschenrechtsverletzungen in den Ländern der Sponsoren und Veranstalter sind selten. Der Block „One Love“ war ein eher schwacher Versuch. Konsequenter waren die Formel-1-Fahrer Sebastian Vettel und Lewis Hamilton. Vettel trat 2021 bei Rennen in Ungarn und Bahrain mit einem regenbogenfarbenen Helm an, um die LGBTQ+-Community zu unterstützen. Hamilton wiederholte dies 2022 bei Rennen in Katar, Saudi-Arabien und den Emiraten. Sylvia Schenk, ehemalige Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer und seit neun Jahren Leiterin des Arbeitskreises Sport bei Transparency International Deutschland, lobte dies gegenüber »nd« als »Zeichen für die Haltung einzelner Sportler«. Allerdings sieht sie Verbände und Veranstalter, Vereine und Rennställe in der größeren Verantwortung als einzelne Athleten. »Sie sollen die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (UNLP) anwenden und ein Menschenrechtskonzept entwickeln. Sie befasst sich mit einem breiten Themenspektrum – vom Umgang mit sexualisierter Gewalt im Verein über Mindestlöhne für Arbeitnehmer bis hin zu Diversität in der Organisation und Inklusion im aktiven Sport“, sagte sie „nd“. Als Grundlage wurden 2011 die Leitsätze festgelegt für die menschenrechtliche Verantwortung von Unternehmen dar. Sie stellen auch die Grundlage des deutschen Lieferkettengesetzes dar. Schließlich haben einzelne Sportverbände wie Fifa, Uefa und IOC diese UNLP in Bewerbungskriterien für anstehende Großveranstaltungen wie die Euro 2024, die 2024, formell festgelegt Olympische Spiele und die Fußballweltmeisterschaft 2026.

Man darf gespannt sein, ob diese Kriterien auch angewendet werden. Saudi-Arabien will sich gemeinsam mit Ägypten und Griechenland um die WM 2030 bewerben. Offizielle Vertreter Katars bestätigten kürzlich am Rande der Weltmeisterschaft, dass das Land immer noch seine Bewerbung für die Olympischen Spiele 2036 verfolgt – dem 100. Jahrestag der ersten großen Sportwaschspiele in Nazi-Deutschland.

Es ist zu befürchten, dass die Regelungen ebenso zögerlich umgesetzt werden wie die des Financial Fairplay im Fußball. Auch weil finanzielles Fairplay hauptsächlich auf dem Papier existiert, könnten die Petrodollars den Markt so massiv aufblähen, dass ein Großklub wie der FC Barcelona in enorme Schulden getrieben wird und einem anderen Großklub – Juventus Turin – nur durch die aktuellen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft geglaubt wird In der Lage sein, mit Buchhaltungsfälschungen in großen Unternehmen Schritt zu halten.

Hier haben arabische Investoren inzwischen eine neue Stufe erreicht. Sie pumpen nicht mehr nur Geld in die großen Clubs. Die von ihnen finanzierten Klubs ziehen aufgrund der schieren Wachstumsraten inzwischen Investoren aus anderen Regionen der Welt an. Die Eigentümer aus Katar ließen PSG in diesem Jahr auf 4 Milliarden Euro schätzen. Sie wollen die Anteile des Clubs möglichst teuer an Co-Investoren verkaufen. Scheich Mansour von der City Football Group hat dies bereits erfolgreich mit Minderheitsverkäufen an chinesische und US-Investoren demonstriert. Es wurden keine ethischen Bedenken beobachtet.

Auch die Fans sind in der Menschenrechtsdebatte nicht immer auf dem Laufenden. Als Italiens Ex-Ministerpräsident Matteo Renzi vor wenigen Tagen verkündete, Katars Emir sei seit seiner Kindheit Lazio-Fan und müsse ihm jedes Jahr signierte Trikots des Lieblingsklubs besorgen, drängten einige Lazio-Fans in den sozialen Medien der Emir, alles zu tun, um den Klub sofort zu kaufen, den bei vielen Fans unbeliebten Präsidenten Claudio Lotito zu entfernen und viele gute Stars zu kaufen.

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