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Frankreichs Rache für Azincourt: Kanes „Schmerz“ setzt Englands 911-Tragödie fort

Frankreichs Rache für Azincourt
Kanes „Schmerz“ setzt Englands 911-Tragödie fort

Von David Needy, Al-Khor

England drängt ins WM-Halbfinale, spielt besser als Gegner Frankreich. Aber dann ist es eine weitere verdammte Strafe. Harry Kane wird zu einer tragischen Figur. Ist das vielleicht die verspätete Rache Frankreichs für eine bittere Niederlage im Hundertjährigen Krieg?

Was für ein Kampf. Franzosen und Engländer stehen sich gegenüber, beide mit Siegeswillen und Nervosität im Blick. Schließlich geht es um alles. Über Leben und Tod. Es ist der 25. Oktober 1415 und in der Schlacht von Azincourt in Nordfrankreich feiern die Truppen von König Heinrich V. einen der größten militärischen Siege des Hundertjährigen Krieges über die Armee Karls VI.

Beim 2:1 (1:0)-Sieg der Équipe Tricolore im WM-Viertelfinale an diesem Samstagabend steht viel auf dem Spiel, aber zum Glück schlachtete keiner den anderen ab. Trotzdem sind diesmal die Franzosen die Favoriten auf den Sieg. Nicht wegen einer größeren Truppenstärke auf dem Feld – hier steht 11 gegen 11, während in Azincourt die Kräfteverhältnisse 3:2 oder gar 4:1 für die französischen Soldaten gewesen sein sollen – sondern wegen der herrschenden Welt Champion spielt ein starkes Turnier und Katars Torschützenkönige Kylian Mbappé und Olivier Giroud.

Doch dann kommt alles anders als vor gut 600 Jahren. Damals hatten die Engländer eine schreckliche Waffe zur Verfügung: den Langbogen. Sie richten ein so schreckliches Blutbad an, dass sogar Shakespeare Gedichte darüber schrieb und eine ganze Nation mit Selbstbewusstsein auffüllte. König Heinrich wird bei seiner Rückkehr nach London zum Helden erklärt, und die französische Gerichtssprache wird verdrängt und durch ein neues Nationalgefühl und eine Inselmentalität ersetzt.

Doch diesmal vergessen die Engländer ihre Langbögen in der Umkleidekabine. In Harry Kane gibt es nur einen äußerst tragischen Helden. Und englisches Selbstbewusstsein stolpert wieder die Kellertreppe hinunter. Denn trotz großem Kampf scheitern die Three Lions erneut an der Elfmeterschwäche, die die Nation so lange plagt.

Fehler führen zu Strafen

Auf dem Schlachtfeld kann der kleinste Fehler über Sieg und Niederlage entscheiden. Im Al-Bayt-Stadion, dem Schlachtfeld dieses Viertelfinals, leisteten sich Les Bleus mehrere desaströse Fauxpas. Doch während 1415 die Pfeile der Langbögen die Rüstung der Franzosen durchtrennten, zischten diesmal nur Fußbälle über das französische Tor.

Und dann führen die Fehler auch noch zu Strafen. Von allen Dingen. Vielleicht ein fieser, verspäteter Trick der Franzosen? 600 Jahre späte Rache? Wie dem auch sei, die englische Nationalschranke schlägt ein neues Kapitel auf. Die Tragödie nimmt weiter zu. Die leidende Figur diesmal: Superstar Kane. Der Kapitän der Briten verwandelte den ersten Elfmeter nach einem sehr ungeschickten Foul von Aurélien Tchouaméni an Bukayo Saka (54.) zum besten Torschützenkönig seines Landes (gleichauf mit Wayne Rooney).

Doch nur wenige Minuten vor dem Schlusspfiff dachte Theo Hernández, er versuche, sein Spiel in Sachen Tollpatschigkeit zu verbessern, und prallte nach einer Flanke in der Nähe des Elfmeterpunkts gegen Mason Mount. Wobei dieser niemals an den langen Ball herangekommen wäre. Der VAR meldet sich und es gibt die nächste Strafe. Die 84. Minute läuft bereits.

Dachte Harry Kane in dieser Szene vielleicht auch an die deutsche Fußballgeschichte? Niemand in den Katakomben stellt ihm diese Frage, aber der Engländer kennt wahrscheinlich einen gewissen Uli Hoeneß. 1976 schoss der DFB-Kicker im EM-Finale gegen die CSSR den Ball vom Elfmeterpunkt in den Nachthimmel, im ersten Elfmeterschießen im Endspiel eines großen Turniers. Kane tut dasselbe gegen Frankreich. Ein paar Meilen weiter in der Wüste sollen sich zwei Kamele über das nächtliche Aufwachen per Ball to Head beschwert haben.

„Harry Pain“ (Schmerz), titelt die Boulevardzeitung „The Sun“, verpasst den „herzzerreißenden Elfmeter“. „Penalty Pain … schon wieder“, berichtet der „Mirror“. Schon wieder Elfmeterschmerz. Überall Schmerz, als wäre es 1415. Tatsächlich hätten die Drei Löwen diese Schlacht von Al-Khor sehr gut gewinnen können. Sie sind die torgefährlichere Mannschaft, sie reagieren hervorragend auf den ersten Rückstand mit furiosen Angriffen und schnellem Ausgleich. Harry Maguire scheitert am Pfosten, Kane immer wieder an Keeper Hugo Lloris.

Kane schwer getroffen

Doch dann wartet ausgerechnet dieses nationale Trauma wieder vor der Tür. Vor Kane wurden sein Trainer Gareth Southgate (EM-Halbfinale 1996) oder Saka, Jude Bellingham und Co. (EM-Finale 2021) zu den tragischen Gestalten der englischen Fußballgeschichte. Dazu kommen die bitteren Ausfälle im Elfmeterschießen im WM-Halbfinale 1990 gegen Deutschland oder im WM-Viertelfinale 2006 gegen Portugal, als Ex-Bayern-Star Owen Hargreaves als einziger traf. Auch wenn es diesmal kein Elfmeterschießen ist. Neunmal müssen die Briten bei Welt- und Europameisterschaften antreten, siebenmal gehen die Three Lions als Verlierer vom Feld.

Frankreich hat auch eine besondere Waffe in diesem Turnier. Der Langbogen der Weltmeisterschaft, wenn man so will. Doch auch wenn Kylian Mbappé gegen England einige Male sein blitzschnelles Tempo zeigt, durchbricht er an diesem Abend nicht die Panzerung.

So ist es nur noch sechs Tchouaménie, der früh seine Waffen schärft und mit einem gezielten Distanzschuss in Führung geht (17.). Nach dem Ausgleich Englands markierte Routinier Giroud, der das komplette Spiel abgebrochen hatte, sein viertes WM-Tor (78.). Denn der ebenso unglückliche wie fehlerhafte Antoine Griezmann zaubert eine perfekte Hereingabe auf den Platz. Giroud stößt mit einem Kopf statt einer Lanze hinein, weil Englands Abwehrtürme Maguire und John Stones ihn einst nicht im Griff hatten. Zusätzliche Tragödie für die Three Lions.

Glücklicherweise gibt es am Ende der Schlacht von Al-Khor keine Leichenberge wie in Azincourt. Trotzdem sinkt Kane nach dem Schlusspfiff auf die Knie. Die Teamkollegen versuchen, den am Boden zerstörten Stürmer wieder aufzubauen. Pickford schreckt die herannahenden Kamerateams ab. Dann zieht sich England zurück und Frankreich jubelt im WM-Halbfinale. Zum zweiten Mal in Folge. Ohne Langbögen.