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Frankreich bereitet sich auf Stromausfälle vor (nd-aktuell.de)


Kernkraftwerk Cattenom in der Region Lothringen: Gründe für mögliche Stromengpässe Frankreichs sind die weiterhin hohe Abhängigkeit von der Atomkraft und der Nachholbedarf bei der Energiewende.

Foto: dpa/EPA/Christophe Karaba

Die französische Regierung bereitet die Bevölkerung auf vorübergehende Stromausfälle vor. Diese könnten notwendig werden, wenn der Januar besonders kalt wird und der Strombedarf nicht mehr aus der Eigenproduktion gedeckt werden kann. Ende vergangener Woche wurde in Frankreich ein Notfall simuliert. Ein kurzzeitiger Stromausfall in der Hauptstadt Paris hatte damit jedoch nichts zu tun. Grund war ein defekter Trafo.

Gründe für mögliche Stromengpässe Frankreichs sind die weiterhin hohe Abhängigkeit von der Atomkraft und der Nachholbedarf bei der Energiewende. Denn von den 59 Kernreaktoren im Land sind derzeit mehr als 20 wegen planmäßiger Wartungsarbeiten oder notwendiger Reparaturarbeiten abgeschaltet. Davon kann in den kommenden Wochen und Monaten nur eine Handvoll wieder in Betrieb genommen werden. Importe beispielsweise aus Deutschland sind aufgrund des Inlandsbedarfs der Lieferländer nur eingeschränkt möglich, und die Wiederinbetriebnahme bereits stillgelegter Kohlekraftwerke kann nur einen vernachlässigbar geringen Teil des Bedarfs decken.

Die französische Regierung appelliert daher an Bevölkerung und Wirtschaft, Strom zu sparen und vor allem in Spitzenzeiten 10 Prozent weniger Strom als im Vorjahr zu verbrauchen. Dann könnte man vielleicht Stromausfälle vermeiden, sofern der Winter nicht zu kalt ist. Dieses Argument funktioniert offensichtlich. In der vergangenen Woche lag der Verbrauch bereits um 8,2 Prozent unter dem Vorjahresverbrauch. Aber vorsorglich hat die Regierung bereits einen Aktionsplan für vorübergehende Stromausfälle erstellt, falls die Nachfrage nicht mehr vollständig gedeckt werden kann.

Die Abschaltungen sollten zeitlich und räumlich gestaffelt erfolgen und nicht länger als zwei Stunden dauern. Sie betreffen beispielsweise nicht ein ganzes Departement auf dem Land oder einen Stadtteil in Paris, sondern nur einen Teil davon. Sie werden drei Tage im Voraus geplant. Die zentrale Warn-App Ecowatt sagt Ihnen wo und wann. Die größten Probleme bestehen offenbar darin, bestimmte wichtige Verbraucher von der Stromunterbrechung auszunehmen oder Notstromaggregate in ausreichender Zahl und Stärke für diese bereitzustellen. Dies betrifft vor allem Krankenhäuser, Gefängnisse und Polizeistationen. Es wurde bereits viel darüber gestritten, ob und wie die Schulen geschlossen werden und wie der Telefonverkehr aufrechterhalten werden kann. Schließlich muss sichergestellt sein, dass Notrufe bei Feuerwehr oder Rettungsdiensten ankommen.

Um immer auf dem neuesten Stand zu sein, sollte man ein batteriebetriebenes Radio parat haben und mit Akkulampen für Licht sorgen. Wer während der Stromausfälle offline weiterarbeiten möchte, wird gebeten, seinen Rechner rechtzeitig aufzuladen. Da der Strom nie länger als zwei Stunden ausfällt, muss kein Lebensmittelverderb befürchtet werden, denn die Kühlschränke zu Hause, die Gefriertruhen in Geschäften und die Kühlräume in Großhandels- und Industrielagern können die Temperatur problemlos so lange halten notwendigen Temperaturbereich.

Einige Überlegungen im Zusammenhang mit den Stromausfällen sind jedoch fragwürdig. So erklärte ein Sprecher des Stromverteilnetzes RTE in einem Interview, dass ein Langzeitkranker, der zu Hause auf eine elektrisch betriebene Sauerstoffpumpe angewiesen ist, als „nicht vorrangig“ eingestuft würde. Der Aufschrei war groß. Ministerpräsidentin Elisabeth Borne beeilte sich, zu beruhigen, dass die Äußerungen des RTE-Sprechers „schlecht formuliert“ seien und dass solche Erkrankten bei einem Stromausfall natürlich proaktiv erfasst und ins Krankenhaus eingeliefert würden.

Präsident Emmanuel Macron muss den Eindruck gewonnen haben, dass die öffentliche Debatte über mögliche Stromausfälle der Regierung entwischt ist. Am Rande des EU-Balkan-Treffens in Tirana etwa nutzte er ein Interview für einen in Frankreich sehr populären Radiosender, um die „Panikmache“ scharf zu verurteilen und zu versichern, dass die durchgehende Stromversorgung über den Winter gesichert werden könne Alle Franzosen wenden Energiespartipps an.

Als Folge der öffentlichen Diskussion zu diesem Thema ist die Nachfrage nach Notstromaggregaten unterschiedlicher Größe und Leistung sprunghaft angestiegen – und die Produktion kann nicht Schritt halten. Zudem werden die größeren Geräte meist Monate im Voraus für die Lieferung in die Ukraine reserviert. Wer vernünftig abwägt, muss sich darüber im Klaren sein, dass die Lebensumstände der Menschen dort unter den Bedingungen des Bombenkriegs viel schwieriger sind als in Frankreich, wo es im schlimmsten Fall darum geht, ab und zu zwei Stunden ohne Strom auszukommen.