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Deutschland Nachrichten

Frankfurter Buchmesse: Wem gehört Sylt? (nd-aktuell.de)


Es gibt immer mehr Menschen auf Sylt, die vom Tourismus überschattet werden

Foto: dpa

Im Juli stand auf der Titelseite des „Spiegels“: „SOS Sylt. Wie Multimillionäre die Insel kapern“. Es war die Zeit, als Punks mit dem 9-Euro-Ticket auf die Nordseeinsel fuhren und FDP-Chef Christian Lindner feierte seine Luxushochzeit dort Tenor der Recherche: Die Superreichen pimpen ihren Zweit- oder Drittwohnsitz auf, während das alteingesessene Leben auf der Insel zu teuer wird.

Wem gehört die Insel? Diese Frage spielt auch in Dörte Hansens neuem Roman »Zur See«, der vor dem Sommertheater über Punks und Promis geschrieben wurde, eine Rolle. An einer Stelle wird geantwortet: „Vielleicht gehört es längst den Surfern und Wolkenmalern, den Nacktbadern und Schalentiersuchern …“ Oder den „Ephemeren“, jenen Touristen, die nur auf die namenlose Nordseeinsel kommen für einen Tagesausflug.

Hansens Roman ist eine Geschichte über den Wandel im Tourismus. Zunächst seien die Gäste vom Festland Sommerurlauber genannt, dann Badegäste und schließlich Touristen, die auch im Herbst und Winter kommen, „sind nicht mehr wie Sand von der Kleidung abzuschütteln“.

Und der neue Roman des Bestsellerautors erzählt, was diese Veränderung für die alten Inselbewohner bedeutet. Nichts Gutes, außer dass man mit touristischen Dienstleistungen leicht Geld verdienen kann. Aber vorher war es nicht besser. Hansen neigt nicht dazu, die alten Zeiten zu verherrlichen. Weder in ihrem Vorgängerbuch »Mittagsstunden« (2018) die Zeit vor Flurbereinigung und industrieller Landwirtschaft, noch in »Zur See« die der alten Seefahrerfamilien. Egal wann, Land- oder Inselleben – es wirkt auf die Menschen, nur anders.

In »Zur See« wird dies anhand der Familie Sander praktiziert. Vater Jens fuhr monatelang zur See, weil das auf einer Insel, die von Nachkommen der Grönländer bevölkert war, die Norm war. Und wenn ein Sohn einen „trockenen“ Job wie Bäcker oder Zimmermann annahm, schämten sich Vater und Onkel. Doch zur See zu fahren ist nichts für Jens und seinen Sohn Ryckmer, beide geben ihre Jobs auf. Der Vater hat sogar Frau und Kinder für 20 Jahre verlassen und ist Ornithologe auf einer unbewohnten Insel geworden. Die Kinder blieben ihm fremd, und er fühlte sich wie ein Fremdkörper in einem zur Pension gewordenen Kapitänshaus.

Nach einem traumatischen Sturmerlebnis auf See wird Ryckmer zu einem schweren Alkoholiker, der Angst vor dem Untergang hat. Von den Männern der Familie Sander fuhr nur der jüngste Sohn Henrik nie zur See. Doch den »Ausgefallenen« und Künstler, der immer barfuß läuft, zieht es jeden Tag an den Strand, sammelt Treibgut, aus dem er »seltsame Figuren, Wassergeister, Seedrachen« baut – begehrt in Galerien.

Und die Frauen? Mutter Hanne hat wenig Geduld mit Männern, die Monate später von Schiffen kommen und sich nicht in den Alltag zu Hause einfügen können. Sie bedeckt ihren Kummer, ihre Wut mit Geschäftigkeit. Seit Jahren in den Sommermonaten für die Sommergäste in ihrer Pension, wofür die Kinder ihre Zimmer räumen müssen. Später für ein Inselmuseum.

Tochter Eske hingegen litt unter ihrer Mutter, die monatelang nur für die Gäste lebte und mit den Gastkindern freundlicher sprach als mit ihren eigenen. Sie fühle sich verraten und verkauft, „vorgestellt wie ein dressiertes Inseltier“. Die Touristen werden ihr Feind. Ihre Art des Widerstands: Dem Auto eines entgegenkommenden Urlaubers zumindest nicht auszuweichen.

Und alle Sanders leiden unter der Trauer, die das harte Leben ihrer Vorfahren hinterlassen hat. Seeleute, die nicht nach Hause kamen, gingen mit ihren Schiffen unter, wurden von Walen aufs Meer gezogen; Kinder, die in Docks gefallen und ertrunken sind. Trotzdem schaffen sie es nicht, den Klumpen Erde zu verlassen.

Beeindruckend, wie Hansen mit ihrer lyrischen Sprache eine düstere Atmosphäre schafft, die das Verschwinden der alten Inselkultur und ihrer Bewohner durch Kurorte, Hotels und Wasserparks beschreibt.

Dorte Hansen: Auf See. Pinguin, 256 S., gebunden, 24 €.



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