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Flüchtlinge in den Niederlanden: Essen und Trinken auf nacktem Boden



Magazin Europa

Stand: 29.10.2022 21:12 Uhr

In den Niederlanden sind die Flüchtlingscamps überfüllt – ein Gericht bezeichnete die Bedingungen kürzlich als unmenschlich. Aber mehr Wohnraum löst nur einen Teil des Problems.

Von Olga Chladkova, ARD Studio Brüssel

Die Wiese vor dem zentralniederländischen Flüchtlingslager in Ter Apel ist jetzt leer. Noch vor wenigen Wochen machten andere Bilder Schlagzeilen. Hier haben die Menschen wochenlang ohne Toiletten und Duschen gezeltet. Sie aßen und schliefen zu Hunderten auf dem nackten Boden.

Im Sommer geriet die Situation durch den Zuzug außer Kontrolle. Ein Baby starb an Dehydrierung und es gab einen Angriff. Nach diesen Vorfällen richtete die niederländische Armee eine Stunde weiter nördlich in Zoutecamp in der Provinz Groningen ein provisorisches Zentrum für Asylsuchende ein.

Jetzt warten die Flüchtlinge in den weißen Zelten auf die Entscheidung über ihren Asylantrag. Es bietet Platz für 500 bis 700 Personen und verfügt über Duschen, Etagenbetten, Toiletten und Waschmaschinen.

Belgien/Niederlande: Kein Platz mehr für Flüchtlinge?

OIga Chládková, WDR, europamagazin, 29.10.2022

Jeden Abend ein neues „Rätsel“.

Jacqueline Engbers, Sprecherin der Zentralen Meldestelle Ter Apel, sieht durch den neuen Standort eine deutliche Verbesserung: „Natürlich freue ich mich, dass die Menschen nicht mehr draußen schlafen müssen, das macht einen großen Unterschied. Sondern die Umstände, in denen sie leben.“ jetzt sind immer noch nicht optimal. Jede Nacht müssen wir das Rätsel neu lösen, entscheiden, wo wir sie hinstellen. Dafür müssen wir immer noch die Turnhalle benutzen, und im Wartezimmer schlafen die Leute auf Stühlen.“

Und das kann manchmal ein paar Tage so bleiben. Denn Ter Apel ist noch voll. Nicht nur, weil der Flüchtlingsstrom zunimmt – die Verfahren stocken. Ein Asylantrag dauert nicht mehr Wochen, sondern Monate, manchmal sogar Jahre. Und bis eine Entscheidung getroffen ist, sitzen immer mehr Menschen in Wartezimmern und kämpfen mit sich und der Langeweile.

So sah es im August in Ter Apel aus – ein Gericht fällte ein hartes Urteil.

Bild: EPA

Für Willkommenskultur bleibt nur noch wenig Raum

Das Flüchtlingslager stammt aus den 1980er Jahren. Mit seiner holländischen Wohnanlage, den Spiel- und Sportplätzen will es eigentlich eine offene Willkommenskultur vermitteln. Aber jetzt ist dafür wenig Platz.

Denn auch wer einen positiven Asylbescheid erhält, muss oft hier bleiben. Nur wenige niederländische Kommunen sind bereit, neue Unterkünfte für Flüchtlinge bereitzustellen. Davon seien oft unbegleitete Minderjährige betroffen, klagt Engbers. „Erfreulicherweise wurden letzte Woche neue Plätze geschaffen. Statt mehr als 300 sind jetzt rund 200 unbegleitete Minderjährige hier – aber der Bedarf ist trotzdem groß, weil auch neue hinzukommen.“

Zulässige Höchstzahl deutlich überschritten

Tatsächlich dürfen sich maximal 55 unbegleitete Minderjährige im Registrierungszentrum Ter Apel aufhalten. Das hat kürzlich ein niederländisches Gericht entschieden. Die niederländische Flüchtlingsorganisation Vluchtelingenwerk Nederland hatte die Regierung verklagt.

Die Richter entschieden, dass die Bedingungen in der Haftanstalt immer noch nicht den EU-Standards entsprechen und dass die Regierung die Bedingungen verbessern sollte. Martijn van der Linden vom niederländischen Flüchtlingshilfswerk betont, die Krise sei hausgemacht. „In den letzten Jahren haben die Niederlande Personal und Empfangsbereiche reduziert, was dazu geführt hat, dass das System voll wurde.“

Der Staatssekretär für Asylfragen hat gegen das Urteil des Richters Berufung eingelegt. Das Berufungsurteil wird am 10. November erwartet.

Diese und weitere Berichte sehen Sie auch im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

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