Skip to content
Experte für Malangriffe: „Der Rechtsbruch wird berücksichtigt“


Tomatensuppe spritzt auf einem durch Glas geschützten Van-Gogh-Gemälde. Bei einem Kongress mit der Kanzlerin löste eine Klimaschutzgruppe einen falschen Feueralarm aus. Aktivisten haben sich bereits im Finanzministerium von Christian Lindner sowie auf belebten Straßen festgesetzt. Der Protestforscher Jannis Grimm lehrt an der Freien Universität Berlin und erklärt gegenüber ntv.de, warum Klimaaktivisten disruptieren wollen und klüger agieren, als viele denken.

ntv.de: Die Klimaaktivisten ernten vor allem für ihre Museumskampagnen viel Schelte aus der Gesellschaft. Ist das Festhalten an der Ministerin legitim, aber nicht Suppe am europäischen Kulturgut?

Jannis Grimm: Zunächst einmal können Proteste nur dann Wirkung zeigen, wenn sie ein gewisses Störpotential haben. Proteste, die innerhalb eines genau definierten Rahmens stattfinden, werden wahrscheinlich keine Wirkung zeigen, wenn nicht große Massen mobilisiert werden. Was all diese Aktionen gemeinsam haben: Sie sind sehr störend, sie stören, irritieren, provozieren – in Zeiten, in denen sich die Öffentlichkeit schon fast an andere Formen des Klimaprotestes gewöhnt hat, fallen sie kaum auf.

Jannis Julien Grimm leitet die Forschungsgruppe „Radikale Räume“ am Zentrum für interdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung der Freien Universität Berlin.

Die Gemälde wurden durch Glas geschützt, sodass sie nicht beschädigt wurden. Dennoch scheint „Modder auf Meisterwerk“ einen Nerv zu treffen.

Tatsächlich erzeugt ein solcher Angriff viel Aufmerksamkeit, weil gerade klassische Kunstwerke über politische Grenzen und gesellschaftliche Gräben hinweg als Kulturgut akzeptiert und anerkannt werden. Wenn es darum geht, wie weit Aktivisten gehen, gibt es große Unterschiede: In Italien beispielsweise klammern sich einige Demonstranten an echte Meisterwerke wie die Statue von Laokoon, in London klammern sie sich nur an eine Kopie von Da Vincis letztem Abendmahl. Der Grad der tatsächlichen Beschädigung der Objekte variiert ebenfalls. Inwieweit eine solche Protestform in unserer Gesellschaft legitim ist, lässt sich wissenschaftlich nicht beurteilen. Das liegt letztlich am Betrachter. Und das ist auch der Kern dieser Aktionen.

Weil sie oft Ärger in der Gesellschaft hervorrufen?

Sie werden von manchen als nicht mehr legitim, von anderen als überfällig angesehen. Das macht diese Protestformen so ambivalent.

Bei Anschlägen auf Museen beklagen sich viele, die Kunstwerke hätten nichts mit dem Klimawandel zu tun. Sind Straßensperren dann sinnvoller?

Wenn ziviler Ungehorsam auf der Straße stattfindet, ist der Zusammenhang zwischen Klima und Verbrennungsmotoren als Mitverursacher des Klimawandels sehr offensichtlich.

Weniger für Gemälde, auch wenn es sich um Ölfarbe handelt.

Wer sich betroffene Bilder wie Monet ansieht, versteht die Symbolik sofort. Diese gemalte Feldlandschaft, ausgestellt in einem Museum, ist in Wirklichkeit in Europa massiv von Dürre und Hitze bedroht. Sie droht zu verschwinden. Das gilt auch für die Sonnenblumen von Vincent van Gogh, die in diesem Sommer wegen der Dürre überall in Frankreich vertrocknet sind. Darüber hinaus werden Museen als Orte der Bildung akzeptiert, die schöne Dinge bewahren, letztendlich Welterbe. So formulierten es einige Protestgruppen: Museen sollten nicht nur die Vergangenheit bewahren, sondern auch zukunftsorientiert sein.

Und sollten wir uns als Gesellschaft, so die Aktivisten, nicht am schönen Landschaftsmotiv erfreuen, wenn wir die reale Landschaft, die als Vorbild diente, sterben lassen?

Das ist eine Ebene. Auf einer zweiten Ebene beinhalten diese musealen Aktionen oft eine Kritik am Materialismus, an einer Gesellschaft, die sich auf Konsum oder Objekte – in diesem Fall Kunstwerke – konzentriert, gleichzeitig aber auf die Ausbeutung der Umwelt aufbaut. Die Aussage sollte dann lauten, dass diese Güter am Ende nichts mehr wert sind, wenn die Gesellschaft sich selbst zerstört hat.

Aber gilt das nicht letztlich für alle Güter, wenn man sie in Relation zur Zerstörung des Planeten setzt? Die Zahl der Menschen, die weltweit vom Hungertod bedroht sind, ist in zwei Jahren von 27 auf 41 Millionen in die Höhe geschossen. Andererseits, was gilt noch? Legitimiert eine solche Drohung am Ende jede Form von Protest, die keinen körperlichen Schaden verursacht?

Der Zweck heiligt nie alle Mittel. Umgekehrt entscheiden die Mittel und Taktiken maßgeblich darüber, ob Demonstranten gehört und Forderungen ernst genommen werden. Sie bestimmen aber auch, ob man sich mit Aktivisten an einen Tisch setzt oder sie mit gewaltbereiten Radikalen in eine Ecke stellt.

Was die Demonstranten machen, ob mit Suppe oder Sekundenkleber, nennt man „zivilen Ungehorsam“. Was bedeutet das eigentlich?

Ziviler Ungehorsam wird als kalkulierter Rechtsbruch definiert. Dieser Rechtsbruch ist sehr zentral, gleichzeitig hält sich die Person an dem System fest, in dem dieses Recht stattfindet. Und sie verzichtet auf Gewalt gegen Menschen.

Den radikalen Protestgruppen wird oft antidemokratische Aktionsformen vorgeworfen. Das hat erst kürzlich ein Richter in seinem Urteil gegen einen Aktivisten gesagt. Ist ziviler Ungehorsam antidemokratisch? Oder gibt es Unterschiede – mal ja, mal nein?

Antidemokratisch – nein, denn die Demonstranten bejahen das System und fordern, dass die Lösungen von gewählten politischen Entscheidungsträgern geliefert werden. Es gibt keinen generellen Verzicht auf einen normativen demokratischen Ordnungsrahmen, sondern einen bewussten Rechtsbruch, um diesen zum Handeln zu bewegen. Er kann vor Gericht verurteilt werden, er wird bestraft, und das wird berücksichtigt. Die Demonstranten nehmen bewusst in Kauf, auf der Grundlage des Strafrechts beurteilt zu werden.

Bisher scheint die Einschätzung in der Gesellschaft klar gegen die Aktivisten zu gehen. Nicht jeder weiß noch, dass die Gemälde hinter Glas geschützt waren. Solche Aktionen schaden dem Thema Klimaschutz mehr als sie helfen?

Eines der Argumente der Aktivisten ist, dass sich das Zeitfenster zur Bekämpfung des Klimawandels schließe. Und wenn jetzt keiner Antworten gibt, dann muss man sich eben unwohl fühlen. Im Zweifelsfall muss man Menschen vor den Kopf stoßen, um ein Thema auf die Tagesordnung zu setzen, das sonst nicht ausreichend diskutiert würde.

„Angriff“ – gutes Stichwort. Viele Reaktionen auf die Museumsanschläge klingen so: Wir haben Sie unterstützt, wir haben tatsächlich Ihre Ziele unterstützt. Aber wenn du jetzt anfängst, unsere Werte zu zerstören, dann hört der Spaß auf.

Man kann diese Aktionen ablehnen und immer noch sagen, dass der Klimawandel ein riesiges Problem ist, aber das ist nicht der richtige Weg, um für den Klimaschutz zu kämpfen. Ich bezweifle sehr, dass solche Leute wegen radikaler Aktionen sagen werden, das Klima sei nicht mehr wichtig. Protagonisten dieser Aktionen fragen oft, warum die mediale Empörung über symbolische Sachschäden größer ist als die Empörung darüber, wie viele Opfer des Klimawandels bereits so viel Leid erfahren.

Das bringt uns zurück zu den 41 Millionen Hungernden und der Frage, mit welchen Protestmitteln sie legitim erscheinen.

Ich glaube, dass die Bewertung dieser Aktionen noch nicht abschließend erfolgt ist, dass viele Menschen zwei Herzen in einer Brust schlagen – einerseits sind die Ziele sehr nachvollziehbar, andererseits die Methoden problematisch, weil Kulturschutz Eigentum ist auch wichtig. Solche Aktionen müssen nicht zwingend den Widerspruch auflösen, sind aber unglaublich produktiv, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Gibt es Erkenntnisse, ob die Motive verstanden werden?

Bisher gibt es zu dieser Frage kaum belastbare Daten, aber zumindest eine Umfrage des „Tagesspiegels“ zu Blockadeaktionen im Berliner Stadtverkehr. 60 Prozent der Befragten können den Protest nicht nachvollziehen, mehr als ein Drittel der Berliner sieht ihn nicht so kritisch.

Kann es insofern den Schauspielern nützen, wenn sich die Gesellschaft etwas an den Lärm gewöhnt? Weil sie nach der ersten Empörung anfangen könnte, sich die Motive der Jungs genauer anzusehen?

Die Routine, mit der solche Proteste jetzt durchgeführt werden – in München, in Dresden, in Berlin -, zwingt zum Beispiel Kommunalpolitiker dazu, mittelfristig darauf zu reagieren. Das bedeutet nicht, dass Sie sich mit den Autoren zusammensetzen und nach einer Lösung suchen. Moderate Klimaschützer können jedoch von der Publizität profitieren, die Gruppen wie „Extinction Rebellion“ oder „Last Generation“ schaffen. Sie profilieren sich dann als professionellere Alternative und werden als legitime Ansprechpartner verstanden.

Das klingt nach einer Form von Arbeitsteilung.

Das kann sich entwickeln, auch wenn das oft gar nicht beabsichtigt war. Aber es ist in vielen Bewegungen weltweit zu sehen. Die gemäßigten Akteure nutzen eine Art „radikalen Flankeneffekt“. Gruppierungen wie „Extinction Rebellion“ oder „Last Generation“ geht es nicht in erster Linie darum, Zustimmung für ihre Organisation zu bekommen. Mit ihren disruptiven Aktionen wollen sie den Klimawandel in einer Zeit auf die Agenda setzen, in der er von der Agenda zu verschwinden droht.

Frauke Niemeyer sprach mit Jannis Grimm