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Etwas weniger allein (nd-aktuell.de)


Haben viel zu tun: unbegleitete Minderjährige in Deutschland

Foto: dpa/ Karl-Josef Hildenbrand

Tawel und Nora kennen sich seit drei Jahren. In den drei Jahren meldete sich Nora Tawel bei einem Fitnessstudio an, begleitete ihn zum Anwalt, unterschrieb seine Zeugnisse. Denn Nora war Tawels Vormund. Mit einer sogenannten alleinigen Vormundschaft übernahm der damals 25-Jährige 2019 das gesetzliche Äquivalent zur elterlichen Sorge für Tawel. Der Jugendliche floh im Alter von 15 Jahren aus Guinea nach Deutschland.

Hunderte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen jedes Jahr in Berlin an. Sie alle brauchen Wächter. Sie werden in der Regel vom Jugendamt gestellt. Aber die sogenannten Amtsvormünder übernehmen die Verantwortung für bis zu 50 Jugendliche, eine enge Beziehung ist also nicht möglich. Nach seiner Ankunft wurde Tawel auch einem offiziellen Vormund unterstellt. „Ich habe sie nur einmal im Jahr gesehen“, sagt er. Er trifft Nora fast jede Woche. Es geht nicht nur um Bürokratie. „Sie fragt mich, wie es mir in der WG geht, wir reden über meine Probleme und finden immer eine Lösung.“

Kennengelernt haben sich die beiden über Akinda, das Berliner Netzwerk individueller Vormünder für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. In 25 Jahren hat das Netzwerk mehr als 1000 dieser freiwilligen Vormundschaften vermittelt und feiert an diesem Freitag sein Jubiläum. Ronald Reimann leitet das Projekt des Vereins Xenion. Und er ist von dem Konzept überzeugt. »Wir haben im Laufe der Jahre erlebt, dass die Eins-zu-eins-Betreuung von einem Menschen, der es aus Überzeugung und Engagement tut, viel mehr bringt.« Die Vision: Allen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen soll eine individuelle Vormundschaft angeboten werden. Aber im Schnitt kommen jedes Jahr 600 bis 700 junge Leute nach Berlin, dieses Jahr sind es laut Akinda über 2600. »Wir brauchen viel mehr Freiwillige.«

Freiwillige wie Nora. Sie hat sich bei einer Beratungsstelle für Migrationsrecht aus Akinda über ihre Arbeit informiert, dort Kontakt aufgenommen, es folgten ein erstes Gespräch und mehrere Schulungen. Nach drei Treffen zum Kennenlernen entscheiden sich beide für die Vormundschaft. „Unsere Beziehung war von Anfang an gut“, sagt Tawel. Sie gehen spazieren oder essen Eis, Nora begleitet Tawel zu seinen Fußballspielen. Und sie denken an seine Zukunft. „Wir haben viel über die großen Fragen gesprochen, etwa ob Tawel in eine eigene Wohnung ziehen will. Es ging mir nie darum, mich für Tawel zu entscheiden und es dann umzusetzen«, sagt Nora.

Ein großes Thema: Tawels Aufenthaltsstatus. „Im April habe ich ‚Negativ‘ bekommen“, sagt Tawel, mehr will er dazu nicht sagen. Sie befinden sich nun im Gerichtsverfahren gegen die Ablehnung seines Asylantrags, fügt Nora hinzu. „Diese asyl- und aufenthaltsrechtliche Situation, mit der junge Menschen konfrontiert werden, obwohl sie sich bereits in einer wirklich schwierigen Situation befinden, ist erschreckend.“ „Das ist eigentlich nicht erlaubt“, sagt Nora. Tawel sagt auch, dass die Verfahren oft unfair seien: „Ein Freund, der war 16, aber die Behörde in Berlin hat ihm 19 Jahre gegeben.“ Die Minderheit wird einfach in Frage gestellt.

Das direkt zu erleben, habe eine große Wirkung auf die Erziehungsberechtigten, sagt Nora. Obwohl sie die Ungerechtigkeiten des Asylsystems und Fluchtgeschichten bereits kannte, berührte sie die Nähe zu Tawel auf andere Weise. „Man entwickelt großen Respekt vor dem, was die jungen Leute zu leisten haben.“ Erziehungsberechtigte könnten in diesem Ehrenamt viel lernen: „Wenn man die Missstände einmal gesehen hat, kann man nicht einfach aufhören, sie zu sehen.“

Während es für Flüchtlinge, insbesondere aus afrikanischen Ländern, nach Volljährigkeit nicht einfacher wird, einen Schutzstatus zu erlangen, werden die Fluchterfahrungen junger Menschen immer schlechter. „Das hat sich spürbar geändert“, sagt Ronald Reimann. „Die Strecken sind gefährlicher geworden und dauern viel länger. Grundsätzlich sind alle flüchtenden Minderjährigen von Gewalt betroffen, was durch die europäische Abschottungspolitik noch verschärft wird.«

Die große Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in diesem Jahr hat weniger mit dem Ukrainekrieg zu tun als mit der Situation an den EU-Außengrenzen. Laut Reimann führen plötzlich löchrige Fluchtwege und geopolitische Entwicklungen dazu, dass vor allem junge Menschen aus Afghanistan, Syrien und afrikanischen Ländern nach Deutschland gelangen. In Bezug auf Afghanistan spricht Reimann von Jugendlichen, die zuvor in der Türkei gelebt haben. »Doch dort hat sich die Situation für afghanische Flüchtlinge so verschlechtert, dass sich viele gezwungen sahen, weiterzureisen.«

Wie schon 2015/2016 stoße die Berliner Aufnahme- und Betreuungsstruktur derzeit an ihre Grenzen, sagt Reimann. „Das Land hat die damals geschaffenen Strukturen massiv heruntergefahren, was mittlerweile zu Schließungen und Entlassungen bei Jugendhilfeträgern geführt hat.“ Nach einer 20-prozentigen Kürzung der Fördermittel Anfang des Jahres mussten sie eine Stelle abbauen. »Und jetzt, Mitte des Jahres, sollten wir sehr schnell neue Spezialisten finden – was uns zum Glück auch gelungen ist.«

Im Gegensatz zu staatlichen Strukturen wirken freiwillige Sachwalterschaften nachhaltig. Die Vormundschaft ist offiziell vorbei, wenn sie volljährig ist, aber die Beziehungen, die Akinda eingegangen ist, leben normalerweise weiter. So auch bei Nora und Tawel. Obwohl Tawel bald 19 Jahre alt wird, stehen die beiden in regelmäßigem Kontakt. So könnte es für Nora weitergehen. „Solange Tawel mich in seinem Leben haben will, gehe ich gerne mit ihm. 18 zu werden ändert nichts an unserer Beziehung.«



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