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Ernährung und Klimawandel: Es muss nicht immer Bio sein



Interview

Stand: 24.11.2022 16:44 Uhr

Wie sieht eine Ernährung aus, die gesund ist und möglichst wenig Klima und Umwelt belastet? Ganz auf Fleisch und tierische Produkte müssen wir nicht verzichten, sagt Agrarökonom Hunecke. Aber je weniger wir davon essen, desto besser.

tagesschau. de: Wir haben es alle schon oft gehört: Wer sich vegan ernährt, hat eigentlich das Beste fürs Klima getan. Ist das korrekt?

Claudia Hunecke: Einerseits stimmt das. Andererseits kann man auch sagen: Komplett vegan ist nicht zwingend notwendig. Eine gewisse Fleischkomponente kann also durchaus vorhanden sein. Doch je weniger Fleisch, desto besser für das Klima und für die Umwelt und für Sie selbst.

Zur Person

Dr. Claudia Hunecke ist Agrarökonomin und forscht am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Ihre Schwerpunkte sind Ernährungssysteme, Landnutzung und Milchwirtschaft.

Die Empfehlung liegt bei 300 Gramm Fleisch pro Woche

tagesschau. de: Wie verhalte ich mich also richtig? Was kann ich mir sonst noch auf den Teller tun, um möglichst klimafreundlich zu essen?

Hunecke: Vor einigen Jahren entwarf die EAT-Lancet-Kommission eine Empfehlung namens Planetary Health Diet. Sie besagt, dass möglichst viel aus den verschiedenen Lebensmittelgruppen jeden Tag auf dem Teller sein sollte. Das sind also grünes Gemüse, rotes Gemüse, Vollkornprodukte, eigentlich auch tierische Produkte. Es enthält auch Öle und Zucker. Aber bei all diesen Empfehlungen kommt es immer auf die Menge an. Es geht darum, wie viel von dem, was man isst.

Die Empfehlung ist ganz klar, tierische Produkte so weit wie möglich zu reduzieren, um innerhalb unserer planetarischen Grenzen zu sein, dh was unsere Welt produzieren kann und auch um für sich selbst gesund zu sein. Das bedeutet, dass Sie etwa 300 Gramm Fleisch pro Woche essen können – je weniger natürlich, desto besser. Sie können diese auch auf Null setzen, allerdings sind in dieser Diät etwa 300 Gramm Fleisch enthalten.

Allerdings gibt es auch Unterschiede zwischen den einzelnen Fleischsorten. Rotes Fleisch, das wir hauptsächlich von Wiederkäuern, also vor allem von Rindern, beziehen, sollte so weit wie möglich reduziert werden – sogar noch weiter als diese 300 Gramm. Andere Fleischsorten wie Geflügel und Schweinefleisch könnten bis zu diesen 300 Gramm erreichen. Insgesamt solltest du dich aber an diese 300 Gramm pro Woche halten.

Claudia Hunecke, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, stellt klimafreundliche Ernährungsziele vor

tagesschau24 17 Uhr, 22.11.2022

Für Fleisch gilt: „So wenig wie möglich“

tagesschau. de: Muss dieses Fleisch dann Bio sein? Oder wie soll ich das Fleisch auswählen, wenn ich pro Woche 300 Gramm auf dem Teller haben darf?

Hunecke: Auf der einen Seite haben Sie die Ernährung selbst, also was sollten Sie essen, um gesund zu bleiben und unseren Planeten gesund zu halten? Die andere Seite ist dann die Produktion. Es gibt verschiedene Maßstäbe. Bio-Fleisch ist uns natürlich am besten bekannt. Das ist eine Art Produktion, die auch sehr gut ist. Es gibt verschiedene Regeln, die befolgt werden müssen, die zertifiziert werden müssen, um das Fleisch unter diesem Label zu verkaufen. Bio-Fleisch ist sicherlich besser, aber generell gilt: Ob Bio oder nicht – so wenig wie möglich.

Es muss nicht immer Bio sein

tagesschau. de: Wenn ich jetzt versuche, mich an diese 300 Gramm Fleisch zu halten und auf den Wochenmarkt gehe und dort mein Gemüse kaufe und versuche möglichst Bio-Gemüse zu kaufen – bin ich auf dem richtigen Weg?

Hunecke: Ja. Wir reden immer viel über Fleisch, das reduziert werden sollte. Und zwar nicht nur über Fleisch, sondern über tierische Produkte im Allgemeinen, darunter zum Beispiel Milchprodukte. Natürlich muss diese Anzahl an Kalorien aufgenommen werden. Es wird empfohlen, dies über Obst und Gemüse, aber auch über Hülsenfrüchte zu tun.

Und auch hier kann man sich fragen, wo kommt das Essen her. Es gibt verschiedene Ansätze. Der Wochenmarkt ist natürlich immer ein sehr guter Ansatz, dann ist es meistens regional, also was in meiner Nähe produziert wird. Aber jetzt leben wir in Mitteleuropa und im Winter gibt es auf dem Wochenmarkt nicht viel zu holen. Allerdings ist der Handel ein wichtiger Bestandteil, um die Mikronährstoffe zu bekommen, die die Menschen brauchen. Deshalb sollte man den Handel nicht verteufeln, denn auch aus anderen Regionen der Welt können wichtige Bestandteile unserer Ernährung hinzugefügt werden.

tagesschau. de: Das bedeutet, dass Sie woanders als auf dem Wochenmarkt einkaufen können. Und es muss nicht immer Bio sein. Warum ist Handel so wichtig?

Hunecke: Der Handel ist ein sehr wichtiger Bestandteil. Der Handel hält die Preise einigermaßen stabil. Wir haben Anbauzeiten und wenn wir im Winter das gleiche Angebot haben wollen wie hier im Sommer, dann muss das Obst und Gemüse woanders herkommen. Und natürlich bedeutet Handel auch Arbeitsplätze. Wir müssen also über das gesamte Ernährungssystem sprechen. Und Arbeitsplätze sind ein wichtiger Bestandteil, denn auch in anderen Ländern arbeiten viele Menschen im Ernährungssystem und der Handel erhält diese Arbeitsplätze ebenfalls.

Ein Drittel aller Treibhausgasemissionen

tagesschau. de: Sie haben gesagt, dass das Thema Ernährung und Klimawandel immer wichtiger wird. Wieso den?

Hunecke: Das Ernährungssystem und die Ernährung selbst sind – das wissen wir heute – eine der ganz großen Komponenten des Klimawandels. Einerseits ein Treiber des Klimawandels, andererseits aber auch eine der möglichen Lösungen, um die Erwärmung zu reduzieren. Denn das Ernährungssystem – von der Produktion über den Handel bis hin zum Konsum – verursacht ein Drittel aller Treibhausgasemissionen. Dies ist der zweitgrößte Sektor nach Energie. Und das ist eine ganze Menge, die nicht zu vernachlässigen ist.

Auf der anderen Seite haben wir natürlich eine viel größere Umweltbelastung. Es geht nicht nur um Treibhausgasemissionen, es geht auch um Wassernutzung, es geht um Landnutzung, es geht um Arbeitsplätze, es geht um gesellschaftliche Teilhabe. All diese Aspekte stehen hinter dem Ernährungssystem und müssen natürlich sowohl bei der Verursachung des Klimawandels als auch bei der Suche nach einer Lösung berücksichtigt werden.

Lösungen für nachhaltige Lebensmittelsysteme

tagesschau. de: Was müsste jetzt konkret passieren, damit wir zu einem solchen Ernährungssystem kommen?

Hunecke: Beide Treibhausgase, zum Beispiel CO2, sind eines der Probleme. Dann haben wir Methan und Stickoxide. CO2 stammt beispielsweise nicht nur aus der landwirtschaftlichen Produktion selbst, sondern entsteht hauptsächlich durch Landnutzung und Landnutzungsänderungen. Ein Beispiel ist die Abholzung von Regenwäldern oder die Versiegelung von Land. Auch durch den Energieverbrauch bei der Produktion entsteht ein wenig CO2, also Treibstoff für die Landtechnik. Fast alle Methan- und Stickoxide stammen aus der Produktion. Beim Methan kommt vor allem das Fleisch zum Einsatz, bei den Stickoxiden natürlich vor allem Düngemittel.

Und genau hier könnte man ansetzen: Beim Methan vor allem durch die Reduzierung tierischer Produkte. Einfach die Masse der Tiere zu reduzieren, die wir zum Verzehr haben, wäre eine Möglichkeit, es zu lösen. Bei Stickstoff ist es etwas komplizierter. Es geht nicht nur um den Stickstoffverbrauch – also wie viel Dünger verwendet wird – sondern auch um die Nutzungseffizienz, die etwas komplizierter ist. Gar nicht so einfach wie auf das Stück Fleisch am Mittagstisch zu verzichten.

Ernährung wird immer wichtiger

tagesschau. de: Sie waren auch auf der Klimakonferenz in Ägypten und haben über Projekte gesprochen, die Sie planen. Wie weit sind wir im Bereich Klima und Ernährung?

Hunecke: Leider nicht ganz so weit wie erhofft. Leider hat es das Lebensmittelsystem nicht in die Abschlusserklärung der COP27 geschafft. Andererseits war dies die erste Klimakonferenz, bei der die Ernährung und das Ernährungssystem tatsächlich eine unglaublich große Rolle spielten. Es gab Pavillons und Veranstaltungen rund um Ernährung und Gesundheit. Dies war auch das erste Mal, dass dies bei einer Klimakonferenz der Fall war.

Auch in der Öffentlichkeit habe ich das Gefühl, dass die Ernährung immer mehr in den Fokus rückt und wir nicht nur über „Wir müssen Fleisch verbieten“ reden, sondern auch über die landwirtschaftliche Produktion und die Art und Weise, wie wir sie konsumieren, trägt zum Klimawandel bei. Wahrscheinlich sind wir politisch noch nicht ganz da, wo wir hinwollen, aber immer mehr Menschen beschäftigen sich mit dem Thema – nicht nur Wissenschaftler, sondern auch viele NGOs und viele Politiker und das ist eigentlich ein sehr gutes Zeichen.

Das Interview führte Anja Martini, Wissenschaftsredakteurin der tagesschau. Es wurde für die schriftliche Fassung bearbeitet.

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