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Eine Arche für Kriegsgegner (nd-aktuell.de)


Eva Rapoport und andere Freiwillige von »Kowcheg« helfen Russen, die aus Angst vor Mobilmachung nach Istanbul gekommen sind, sich zurechtzufinden.

Foto: dpa | Arne Immanuel Bansch

An diesem Samstag zeigt sich Istanbul von seiner besten Seite. In der warmen Sonne schlendern Einheimische und Touristen durch die belebten Straßen der Stadt. Doch der Schein von Normalität trügt. Seit der russische Präsident Wladimir Putin eine Teilmobilisierung angeordnet hat, sind viele Russen aus dem Land geflohen. Wie zu Beginn des Krieges in der Ukraine zieht es viele nach Istanbul.

Dort kümmert sich Eva Rapoport von »Kowtscheg« (Arche) um die Neuankömmlinge. Im März gründete sie zusammen mit anderen Russen, die alle gerade angekommen waren, den Istanbuler Zweig der Organisation aus Eriwan. „Wir mussten etwas tun. Nachdem der Krieg in der Ukraine begonnen hat, konnten wir nicht einfach so weitermachen, als wäre nichts gewesen“, sagte die Freiwillige nd. Nach dem Prinzip „Von Russen für Russen“ kümmert sich die Organisation mit vielfältigen Angeboten um die Migranten. Das Angebot reicht von kostenloser Unterkunft und Sprachkursen über psychologische Hilfe bis hin zu nützlichen Informationen zum Thema Migration.

Die Hilfe von »Kowtscheg« ist in diesen Tagen so gefragt wie seit März nicht mehr. Während des Gesprächs erreichen Rapoport immer wieder Nachrichten von Neuankömmlingen und Hilfesuchenden, die Russland verlassen wollen. Sie und ihre Kollegen nutzen Telegram, um den Migranten einen Platz in einer ihrer Unterkünfte zu vermitteln. Anschließend unterstützen sie sie bei der Beantragung von humanitären Visa und geben ihnen Tipps zum Leben in der Türkei.

»In den Flugzeugen und Autos, die Russland verlassen, sind derzeit fast nur Männer zu sehen. Kaum Frauen. Niemand weiß, wie lange man das Land noch verlassen kann“, beschreibt die studierte Anthropologin die Situation. Viele, die eingezogen werden könnten, würden lieber ins Gefängnis gehen oder sich im Wald verstecken, als in den Krieg zu ziehen. „Niemand will für Putin sterben.“ Rapoport ergänzt.

Genau hier gibt es einen deutlichen Unterschied zur Abgangswelle im Frühjahr. Im März und April verließen viele junge Menschen Russland aus moralischen Gründen. Sie kehrten ihrer Heimat den Rücken und zeigten damit, dass sie mit Regime und Krieg nichts zu tun haben wollten. Für die aktuellen Neuankömmlinge geht es nicht mehr um eine politische Haltung. Es geht um Leben und Tod.

Vor diesem Hintergrund kritisiert Rapoport auch die Reaktion einiger westlicher Länder. „Finnland und andere Länder schließen jetzt die Grenzen zu Russland. Das ist unangemessen und schrecklich.“ Für sie ist es ein humanitäres Anliegen, diesen Menschen zu helfen.

Wer es aus Russland geschafft hat, steht vor einem Berg von Herausforderungen. Der Umzug in ein neues Land ist immer schwierig. Noch schwieriger ist es für Menschen, die keine Auslandserfahrung haben und keine Fremdsprachen sprechen. Anders als bei den meist gut ausgebildeten und weltoffenen Migranten der Frühjahrsausreisewelle ist dies mittlerweile bei vielen Neuankömmlingen der Fall. Erschwerend kommt hinzu, dass sie im Ausland nicht mit ihrer Karte bezahlen oder Geld abheben können. Hier treffen westliche Sanktionen die Falschen, sagt Rapoport.

In Russland zeichnet sich derweil ab, dass teilweise völlig wahllos Teilmobilmachungen durchgeführt werden. Auch ältere Männer mit mehreren Kindern und Menschen mit Behinderungen erhalten Post von der Bundeswehr. Die breite russische Bevölkerung spürt den Krieg jetzt viel deutlicher als zuvor. Vielerorts, etwa in der Kaukasusrepublik Dagestan, stößt das Vorgehen der Regierung auf Ablehnung.

Der Schrecken, für Rapoport zu mobilisieren, hat also auch eine gute Seite. „Vielleicht kommen wir damit Putins Ende näher“, spekulierte sie vorsichtig.