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Eine alte Stadt schränkt die Jugend ein (nd-aktuell.de)


Am jugendlichen Image arbeitet Chemnitz mit dem »Kosmos«-Festival, das auch Skater anzieht. Aktuelle Streichungspläne der Jugendhilfe untergraben dies jedoch wieder.

Foto: dpa/Sebastian Willnow

Die Bevölkerung der sächsischen Industriestadt Chemnitz gehört zu den ältesten des Landes. 69.800 Chemnitzer, mehr als ein Viertel der Einwohner, sind Rentner. Der Anteil der über 80-Jährigen ist seit 2007 von sechs auf knapp zehn Prozent gestiegen. Dagegen sind nur 37.200 Einwohner 17 Jahre oder jünger. Laut Rathaus ist keine Besserung in Sicht. Weil die Zahl der Menschen im „Familiengründungsalter“ immer kleiner werde, gehe auch die Zahl der Geburten zurück, heißt es.

Auf diese wenig erbaulichen Aussichten gäbe es unterschiedliche Antworten. Eine wäre, Chemnitz für junge Familien, Kinder und Jugendliche besonders attraktiv zu machen, um sie in die Stadt zu locken oder dort zu halten. Im Rathaus wird derzeit jedoch ein anderer Kurs praktiziert. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Verwaltung 1,5 Millionen Euro bei Freizeit- und Beratungsangeboten einsparen will – ab Jahreswechsel. In E-Mails wurden die Förderer von zwölf Projekten aufgefordert, das Notwendige zu tun, um in fünf Wochen „das Angebot abzuwickeln“. Der Vorschlag und die Art und Weise, wie er kommuniziert wird, sorgen für Verwirrung. Das Kulturbündnis »Hand in Hand« sieht in den geplanten Kürzungen einen Beweis dafür, dass eine »überalterte Verwaltung die Stimmen der Jugend ignoriert«. Das ist besonders fatal, weil Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt Europas sein wird und sich dabei eigentlich „verwandeln und modernisieren“ will. Die Stellungnahme trägt die Überschrift »Chemnitz Letzte Generation. Wie Abteilung 5 unsere Zukunft verhindert«.

Die Pläne seiner Chefin, der Sozialbürgermeisterin Dagmar Ruscheinsky, sehen unter anderem Einsparungen bei Jugend und Jugendsozialarbeit vor. So sollen etwa in acht Landkreisen Kinder- und Jugendzentren geschlossen werden, in denen eigentlich ein besonders hoher Beratungsbedarf besteht. Familientreffen sollen ebenso durchgeführt werden wie medienpädagogische Angebote. Auch Stellen für Integrationshelfer in Schulen und Horten sind zu vergeben. Außerdem sollen Zuschüsse für etablierte Einrichtungen wie das soziokulturelle Zentrum „Kraftwerk“ abgeschafft werden, das auf eine 30-jährige Geschichte zurückblicken kann, zunächst das ehemalige Vereinsheim „Fritz Heckert“ nutzte und nun ein neues Domizil bezogen hat auf dem Kaßberg, hat sich zu einem begehrten Treffpunkt für junge Leute entwickelt und sich für Kultur interessiert. Wenn die Pläne des Rathauses umgesetzt würden, sagte Geschäftsführerin Cynthia Kempe-Schönfeld der „Freien Presse“, dann „müssen wir unser Haus komplett schließen“.

Kritiker halten es auch für fatal, Projekte für Kinder und Jugendliche zu kürzen, weil sie besonders unter der Pandemie gelitten haben, wie der Deutsche Ethikrat erst kürzlich herausfand. In Chemnitz sollen die „Corona-Verlierer“ nun „eine doppelte Rechnung zahlen“, klagt Michael Richter, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Sachsen. Das Chemnitzer Netzwerk für Kultur- und Jugendarbeit, ein Zusammenschluss von gut 70 Vereinen, Verbänden und Initiativen, betont, dass angesichts der Pandemie, des Krieges in der Ukraine und der steigenden Lebenshaltungskosten Angebote in diesem Bereich „eher ausgebaut werden müssen als reduziert“. Auch Linkenstadträtin Sandra Zabel sieht nach drei Jahren Pandemie einen erhöhten Beratungsbedarf für Kinder, Jugendliche und Eltern. Sie warnt, wenn jetzt Präventionsangebote in der Jugendhilfe reduziert würden, „kriegen wir die Rechnung erfahrungsgemäß in zwei bis drei Jahren“, weil an anderer Stelle höhere Ausgaben entstehen würden.

Zabel und ihre Kollegen im Landtag wurden von der Streichliste überrascht und sind entsprechend wütend. Die Grünen-Abgeordnete Christin Furtenbacher, die auch Landessprecherin ihrer Partei ist, nennt die Kürzungspläne „unverantwortlich“ und findet es „inakzeptabel“, dass sie öffentlich wurden, bevor sich der Stadtrat überhaupt mit dem Haushalt befasste. Diese müsse „auf dem Tisch liegen, bevor über die Absagepläne entschieden werden kann“. Der Haushalt soll voraussichtlich erst im ersten Quartal 2023 vom Rat verabschiedet werden. Beim Blick auf die Kürzungsliste gibt es Hinweise auf parteiübergreifenden Widerstand, wobei die Akzente sehr unterschiedlich gesetzt werden. Die AfD etwa will die Jugendarbeit aufrechterhalten, indem sie die Etats der bei ihr sehr unbeliebten Stadttheater und der Chemnitzer Kunstsammlungen zehrt. Dort, erklärt sie, „gibt es auf jeden Fall Kapazitäten für eine Schicht.“

Allerdings soll der Jugendhilfeausschuss bereits am 6. Dezember die Weichen für die Kürzungen stellen. Am Rande seines Treffens wird es Proteste geben: Unter der Überschrift „Zahlen Sie Ihre Krise selbst“ ist eine Kundgebung vor dem Rathaus angekündigt. Eine Online-Petition für den Erhalt und die Weiterfinanzierung der Kinder- und Familienzentren Chemnitz hat bereits fast 6.000 Unterstützer gefunden. Ähnlich gravierende Einschnitte wie in Chemnitz wurden aus anderen Städten im Freistaat bisher nicht gemeldet. Richter des Parity Welfare Association schließen jedoch nicht aus, dass weitere folgen werden. Im Kurznachrichtendienst Twitter fragte er dieser Tage: „Längt Chemnitz mit den Kürzungen in Sachsen an?“