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Dokumentarfilm „Angela Merkel – Macht der Freiheit“: Transatlantisches Happening (nd-aktuell.de)


Merkel eiskalt.

Foto: Progress Film Distribution

Es muss Ihnen komisch vorkommen. Wer in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender stöbert, findet immer noch diverse Treffer zum Suchbegriff „Angela Merkel“: „Angela Merkel, die erste Bundeskanzlerin“ (fünfteilig, Arte), „Merkels ambivalentes Erbe einer Feministin Standpunkt“ (Arte), „Das Ende einer Ära“ (Arte), „Merkeljahre – Die Dokuserien“ (ARD), „16 Jahre Merkel – Die unprätentiöse Regierungschefin“ (ARD). Es würde ewig so weitergehen.

Kaum ist Torsten Körners fleißige Dokumentararbeit »Angela Merkel – Im Lauf der Zeit« im Kino (Februar 2022) abgekühlt, versucht sich die nächste Regisseurin an einem filmischen Porträt. Eva Weber, eine renommierte Dokumentarfilmerin, die seit Jahrzehnten in Großbritannien lebt und arbeitet, hat unglaubliche 3629 Archivauszüge, 1925 Fotos, 128 Audioclips, 55 Filme und 43 Interviews durchstöbert und zeigt damit eine ähnlich akribische Archivarbeit wie vor ihr Körner . Ihr dokumentarisches Porträt »Angela Merkel – Macht der Freiheit« schafft es jedoch nicht, der Person Merkel viel näher zu kommen als das, was bereits bekannt ist: Merkel, die Ostdeutsche im CDU-Männerclub, Merkel, die Angst vor Hunden hat, Merkel , die ewig unterschätzte, die echt lustige Merkel und gewiefte Taktikerin mit Weltklasse-Talent für Timing.

Weber fügt die einzelnen Videoschnipsel aus vielen Jahrzehnten dramaturgisch spannend zusammen und gerade weil alles vertraut erscheint, ist die Atmosphäre des Films wie das Blättern in einem bestens gefüllten Familienalbum. Wobei es eine Alterskohorte gibt, die kaum einen anderen Umgang mit Politik kennt als den Merkels, für den sie eigentlich so etwas wie ein kollektives Gedächtnis geschaffen hat. Doch trotz der diversen Interviews, die Weber mit namhaften Weggefährten wie Hillary Clinton, Barack Obama oder Tony Blair geführt hat, bleibt der Film nur ein Stichwort. So rauschen wir an DDR-Erinnerungen vorbei, »Wir schaffen das«, noch mehr DDR-Erinnerungen, Merkel inspiriert vom wunderbaren Obama und verblüfft neben altem Trump, Tattoos, Nina Hagen, nett.

Nur Merkels Mutter kann der Persönlichkeit ihrer Tochter Tiefe verleihen, denn es geht darum, wie ihre Tochter als junges Mädchen mit Kritik umgegangen ist, die mit ihrer Durchsetzungskraft zu tun hatte. Und natürlich darf ihr entscheidender FAZ-Artikel, der Helmut Kohl spendenfinanziert einen Dolch in den Rücken rammte, nicht fehlen, um zu zeigen: Merkel verzeiht keine Fehler.

Genau hier hätte Webers aufwendige Befragung von Zeitzeugen ansetzen sollen. Aber meistens ist die Dokumentation einfach ein Best-of-Merkel-Moment. Kritiker und Unzufriedene kommen nicht zu Wort, obwohl es viele gegeben hätte. Angefangen beim Andenpakt, dem Männerbund der CDU, der angeblich ihre Kanzlerkandidatur 2002 verhinderte, über Friedrich Merz, den sie 2002 als Fraktionsvorsitzenden verabschiedete, oder Norbert Röttgen, der als Umweltminister gehen musste 2012. Immerhin darf Heiner Geißler in einer Show von Sabine Christiansen über Merkels Outfit klatschen, in der sie angeblich viel zu gut aussah im Vergleich zur urbanen Hillary Clinton in ihrem gut geschnittenen rosa Anzug. Das ist ungefähr die Ebene, auf der sich die kritischen Äußerungen über Merkel bewegen, immerhin Belege für die lästige Frauenverachtung damals wie heute: zu ruhig, zu ernst, zu schlechte Frisur, zu hässliche Blusen und einmal weinte sie sogar in einer Kabinettssitzung . Warum nur einmal?

Statt fundierter Kritik an ihrer bisweilen unbeholfenen und vehement konservativen und äusserst pragmatischen Regierungspolitik (man denke an Höhepunkte wie den Bürgerdialog mit dem weinenden Mädchen Reem Sahwil oder ihre Ablehnung der Ehe für alle) werden minutenlange Bilder einer FDJ-Reise an die Ostsee. Spätestens als die Scorpions beim Mauerfall aufgenommen wurden, war der Kamelrücken arg überlaufen. Die Fokussierung auf Merkels ostdeutsche Sozialisation ist verständlich, aber auch wahnsinnig langweilig. Dann schafft es die Doku sogar, den Ukraine-Krieg einzubeziehen, aber abgesehen davon, dass Deutschland zu abhängig von Russlands Energie geworden ist, was Studenten vor mehr als zehn Jahren im Politikstudium gelernt haben, gibt es keine Kritik an einer Frau, die die Politik bestimmt 16 Jahre.

Und die in der Pressemappe angekündigte „internationale Perspektive“ auf Merkels Leben entpuppt sich letztlich als transatlantisches Happening. Natürlich sind Clinton und Blair begeistert und umgekehrt. Merkel soll eine Träne vergossen haben, als Obama ging. Die Narrative einiger afrikanischer oder osteuropäischer Politiker zu Merkels deutscher Wohlstandspolitik wären wohl anders ausgefallen.

„Angela Merkel – Macht der Freiheit“ ist ein ambitioniertes, mitunter amüsantes Jubiläumsvideo für eine der einflussreichsten Politikerinnen unserer Zeit, deren Abgang im Dezember erstmals gefeiert wird. Das Porträt bringt das Ganze nicht auf den Punkt, wie ausgerechnet diese unscheinbare DDR-Wissenschaftlerin, die eigentlich viel lieber Lehrerin geworden wäre, die erste Bundeskanzlerin wurde und was sie aus diesem Land machte. Aber immerhin sieht man wieder ihre schönsten Grimassen.

»Angela Merkel – Macht der Freiheit«: Deutschland, Großbritannien, Dänemark 2022. Regie: Eva Weber. 96 Minuten. Ab 8. Dezember im Kino und auf RTL+ erhältlich.



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