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Die Wirtschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren gut entwickelt.


Armut hat in Deutschland mittlerweile viele Gesichter. Über zwei Millionen Menschen wenden sich regelmäßig an die Tafel, um Unterstützung und eine kostenlose Mahlzeit zu erhalten – mehr als je zuvor. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes können Millionen Menschen ihre Wohnung nicht ausreichend heizen. Und fast jeder zweite Verbraucher gab kürzlich in einer Umfrage der Unternehmensberatung EY an, wegen der explodierenden Lebenshaltungskosten nur noch das Nötigste zu kaufen.

Aber die Zunahme der Armut ist keine plötzliche Entwicklung, die nur auf die Corona-Pandemie, den Ukrainekrieg und die daraus resultierende Explosion der Energie- und Lebensmittelpreise zurückzuführen ist. Laut dem am Donnerstag veröffentlichten Verteilungsbericht 2022 des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat die Armut in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt deutlich zugenommen.

Der Anteil sehr armer Menschen, die über weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügen, sei zwischen 2010 und 2019 um gut 40 Prozent auf 11,1 Prozent der Bevölkerung gestiegen, berichtete das WSI darin. Zum Vergleich: 2010 lag das gewichtete durchschnittliche Haushaltseinkommen pro Kopf bei 21.219 Euro, 2019 bei 24.037 Euro.

So viele wie noch nie

„Im Jahr 2019 waren so viele Menschen in Deutschland von Armut betroffen wie nie zuvor“, fassen die Autorinnen des Verteilungsberichts, Dorothee Spannagel und Aline Zuco, die Ergebnisse der Studie zusammen. Obwohl die Jahre zwischen 2010 und 2019 von einer guten wirtschaftlichen Entwicklung und sinkender Arbeitslosigkeit geprägt waren, profitierten arme Haushalte davon nicht. Sie fielen noch weiter zurück. Die Armutslücke – also der Betrag, der einem durchschnittlichen armen Haushalt fehlt, um die Armutsgrenze rechnerisch hinter sich zu lassen – hat sich für einen Einpersonenhaushalt von 2968 Euro im Jahr 2010 auf 3912 Euro im Jahr 2019 erhöht.

Das WSI steht mit seiner Einschätzung nicht alleine da. Der Sozialverband Deutschland sprach von besorgniserregenden Zahlen. Der Paritätische Gesamtverband hat bereits davor gewarnt, dass die Armut in Deutschland im Jahr 2021 „einen traurigen neuen Höchststand“ erreicht haben wird. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2021 rund 13 Millionen Menschen in Deutschland armutsgefährdet. Das entsprach 15,8 Prozent der Bevölkerung. Laut EU-Definition gilt eine Person als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens der Gesamtbevölkerung verfügt.

Es fehlt viel

Doch laut WSI-Studie sind arme Haushalte nicht nur finanziell benachteiligt. Auch die Lebenszufriedenheit, Gesundheit und Bildung sind bei den Armen messbar geringer als im Bevölkerungsdurchschnitt, ebenso das Vertrauen in staatliche Institutionen. Dies ist nicht nur ein Problem für die Armen, sondern für die Gesellschaft als Ganzes. „Armut und soziale Polarisierung können die Grundlagen unseres demokratischen Zusammenlebens erschüttern, besonders wenn sie sich verfestigen“, warnte die wissenschaftliche Leiterin des WSI, Bettina Kohlrausch.

Tatsächlich stimmten in einer Umfrage der Böckler-Stiftung nur 59 Prozent der Armen zu, dass die Demokratie in Deutschland insgesamt gut funktioniert, und nur 68 Prozent hielten sie für die beste Staatsform. Mehr Engagement gegen Armut sei daher nicht nur notwendig, um den direkt Betroffenen zu helfen, sondern auch um die Gesellschaft zusammenzuhalten, sagte Kohlrausch. Dies gilt umso mehr in Zeiten hoher Inflation, in denen immer mehr Menschen den sozialen Abstieg fürchten.

Turbo-Corona

Vieles spricht nach Ansicht der WSI-Experten dafür, dass die Corona-Pandemie und die hohe Inflation die Probleme der Armen in den vergangenen Jahren weiter verschärft haben. Nur ein Beispiel: Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) trifft die hohe Inflation derzeit besonders einkommensschwache Familien. Denn die größten Preistreiber – Haushaltsenergie und Lebensmittel – haben bei ihnen einen deutlich größeren Anteil am gesamten Einkaufskorb als bei den Vermögenden.

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet im kommenden Jahr mit einer neuen Überschuldungswelle in Deutschland. Während die Experten aus Neuss in ihrem kürzlich veröffentlichten Schuldneratlas für 2022 noch knapp 5,9 Millionen überschuldete Haushalte zählten, erwarten sie für das kommende Jahr eine deutliche Verschärfung der Lage. „Ein Anstieg der Zahl der Überschuldungen um rund 600.000 Fälle ist nicht unrealistisch“, heißt es im Schuldneratlas. Und es ist nicht auszuschließen, dass die Auswirkungen des Nachzahlungsschocks für Haushaltsenergie und die schwer kalkulierbare Dauer der Inflationstendenzen noch mehr Haushalte in die Überschuldung treiben werden.

Die aktuellen Hilfspakete der Bundesregierung helfen laut den WSI-Experten im Kampf gegen die Armut. „Etwas ist wirklich wichtig“, sagte Spannagel. Aber gemessen an den grundsätzlichen Problemen in diesem Bereich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.