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Deutschland Nachrichten

Die Tränen im Ahrtal versiegen.


Endlich wieder zu Hause und doch allein. 16 Monate nach dem tödlichen Hochwasser im Ahrtal sind Gerd und Elfriede Gasper zurück in ihrem komplett renovierten Haus in Altenburg. „Alles ist anders“, sagt die 75-Jährige in ihrem neu eingerichteten Zuhause.

Denn das Ehepaar hatte in den stinkenden Wassermassen sein gesamtes Hab und Gut verloren – mit einer Ausnahme: ein Kruzifix, das ihr Sohn Thorsten 1985 vom dörflichen Steinmetz zur Kommunion erbeten hatte. Ein Wanderer fand es – völlig schlammig – wenige Wochen nach der Katastrophe mit mindestens 134 Toten. „Er kam direkt auf mich zu und fragte, ob ich wüsste, wem das gehört“, sagt Elfriede Gasper und kämpft mit den Tränen.

„Abends ist es stockfinster“, sagt ihr Mann Gerd und schaut aus dem Fenster. Denn nur wenige Menschen sind an den von der Flut verwüsteten Ort zurückgekehrt. Noch immer werden Häuser abgerissen, umgebaut und renoviert.

Probleme mit der Versicherung

Als Achim Gasper nur wenige Meter entfernt sein Haus aufschließt, schlägt ihm der Gestank von Heizöl entgegen. Im Sommer 2021 habe er zusammen mit Helfern mehr als 1.500 Stunden in die Entkernung des Hauses gesteckt, berichtet der Neffe von Gerd und Elfriede Gasper. Danach passierte nichts.

Der 39-Jährige, der vorübergehend in der Nähe von Münster lebt, steckt im Streit mit der Versicherung fest. Er hat bereits mehr als 30.000 Euro für Gutachten und Anwaltskosten ausgegeben. Das 2016 gekaufte Haus muss er noch abbezahlen, seine Elementarschadenversicherung läuft weiter. Sechs Gutachter haben sich das Haus inzwischen angeschaut, fünf sprechen sich für den Abriss aus, nur der seiner Versicherung nicht. Mit rund 170.000 Euro bezifferte er den Wert nur auf etwa 21 Prozent dessen, was die anderen Gutachter ermittelt hatten.

Ihm wurde geraten, die Differenz bei der Investment and Structure Bank (ISB) zu holen. Die ISB ist zuständig für Zahlungen aus dem Bund-Länder-Fonds, der für mehrere Bundesländer mit insgesamt 30 Milliarden Euro dotiert ist, an Privatpersonen. Doch Gasper will den Steuerzahler nicht belasten, schließlich ist er versichert, und: „Ich bin seit 19 Jahren Soldat für den Rechtsstaat auf der Welt.“

„Es geht überhaupt nicht voran“

„Man blickt in Abgründe, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte“, sagt sein Vater Bernd über das Verhalten der Versicherung. Wie es für ihn weitergeht, weiß der 70-Jährige noch nicht genau. „Wir haben unseren Antrag vor einem Jahr am 10. November bei der ISB eingereicht – und gerade den vorläufigen Zulassungsbescheid erhalten.“ Das ist zumindest das Ende des Wartens. Sein Elternhaus musste nach dem Hochwasser abgerissen werden, er lebt mit seiner Frau Brigitte in einem zugigen Aushilfsquartier bei Bonn.

„Sie haben uns schnelle und unbürokratische Hilfe zugesagt“, sagt der 70-Jährige verbittert und zeigt auf die Stelle, an der er im Beisein von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) mit Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) gesprochen hat. Das hatten im Ahrtal auch die inzwischen zurückgetretenen Staatsminister Anne Spiegel (Grüne) und Roger Lewentz (SPD) zugesagt. „Es geht überhaupt nicht voran, und es gibt immer wieder diese Rückschläge“, sagt Bernd Gasper. „Es macht dich müde und krank.“

„Dadurch sind viele hier viel älter geworden“, sagt Winzer Alexander von Stodden aus der Weinstadt Rech. „Die Atmosphäre ist wirklich schlecht“, stellt er fest. „Mir fehlt ein Konzept“, sagt der kommunalpolitisch aktive CDU-Abgeordnete und kritisiert mit Blick auf die Landeshauptstadt, dass so viel Energie darauf verwendet werde, „die Menschen nach unten zu bringen, statt das Tal voranzubringen“. Die 30 Milliarden Euro im Wiederaufbaufonds vergleicht er mit einem Ablassbrief – nach dem Motto: „Damit haben wir nichts mehr zu tun.“

„Man kann viel planen, aber meistens kommt es anders“

Der durch die Sturzflut verursachte Schaden in seinem Familienbetrieb von 1900 – dem renommierten Rotweingut Jean Stodden – belief sich auf rund zwei Millionen Euro. Mit dem für Landwirte und Winzer zuständigen Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) ist die finanzielle Seite auf einem guten Weg. „Wir sind zufrieden“, sagt der dreifache Vater. Und die Zukunft? Es kommen nicht einmal halb so viele Gäste wie vor der Flut, aber er exportiert.

„Viele sind außer Schwung“, sagt Hotelier und Gastronom Wolfgang Ewerts vom Insul. Die Flutkatastrophe durchkreuzte seine Lebenspläne. Eigentlich wollten sich der Gastronom und seine Frau zurückziehen und den Betrieb an ihren Sohn übergeben. Jetzt hat Ewerts renoviert, ausgebaut, Schulden gemacht – und führt das Hotel und Restaurant gemeinsam mit Frau und Sohn weiter. „Man kann viel planen, aber meistens kommt es anders. Und hier war es ganz anders“, stellt er lakonisch fest.

Weihnachten nur in der Nebenrolle

«Das Geschäft läuft gut. Die Leute sind da“, sagt Ewerts. Drastisch gestiegene Preise für Gänse in der Vorweihnachtszeit, fehlendes Servicepersonal und Lieferengpässe: „Es ist wieder der normale Wahnsinn und alles ist besser als nach der Flut.“ Mit den Leistungen seiner Versicherung ist er bisher zufrieden, Gerd Gasper ebenso.

Der 81-Jährige findet es „einfach schön“, wieder zu Hause zu sein. Das Haus direkt gegenüber wird noch abgerissen. Doch nach und nach ziehen immer mehr Menschen zurück nach Altenburg, darunter zwei seiner Neffen und eine Schwägerin. Weihnachten spielt für ihn in diesem Jahr nur eine Nebenrolle. „Es war so hektisch. Jetzt können Sie sich entspannen und wieder auf sich selbst aufpassen.“



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