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Die Rache des Geldboten Toni Musulin

Drei mal vier Meter, mehr Platz hat er nicht. Er muss im Kreis entlang der sechs Meter hohen Wand laufen. Zehn Sekunden braucht er für eine Runde, in den 90 Minuten, die ihm zur Verfügung stehen, läuft er 540 Mal durch den winzigen Hof.

Er zählt jede Runde. Jeden Tag.

Toni Musulin spürt eine enorme Wut, die er rauslassen muss. Manchmal schiebt er seine Matratze gegen die Zellenwand und knallt stundenlang dagegen. Diese Wut verspürt er nicht erst seit er im Gefängnis ist, sondern seit langem das Gefühl, nicht das zu bekommen, was ihm zusteht, was wohl seine Wut schürt. Diesmal hat sie ihn jedoch an einen Ort gebracht, an dem niemand gerne seine Tage verbringt: in Einzelhaft, in den Hochsicherheitstrakt des Corbas-Gefängnisses, in der Nähe von Lyon, der drittgrößten Stadt Frankreichs. Seine Mitgefangenen sind allesamt Kriminelle, darunter auch Kindermörder und Vergewaltiger. Aber Toni Musulin ist nicht wie die anderen, er ist nicht in Einzelhaft, weil er ein Verbrecher ist, sondern weil er vor ihnen beschützt werden muss. Seine Mitgefangenen wissen, wer er ist, und sie sind sich sicher, dass er äußerst wertvolle Beute versteckt hat.

Es ist nicht auszuschließen, dass Musulin die Haft letztendlich akzeptiert hat, dass er im Gefängnis sitzt, weil es für ihn die bessere Lösung ist.

Anfang 2009. Musulin stürmt in das Büro seines Chefs. Zuvor unterhielt er sich mit seinem Kollegen Pascal Brun im Pausenraum seines Arbeitgebers, der Sicherheitsfirma Loomis. Gemeinsam fahren sie den gepanzerten Transporter mehrmals täglich zur Banque de France in Lyon, einer Filiale der französischen Zentralbank, und holen dort Geld ab. An diesem Tag sprachen sie vor der Kaffeemaschine über ihre Gehaltsabrechnungen, und Musulin merkte, dass er weniger verdiente als sein Kollege. Er rechnete nach und stellte fest, dass trotz Stechuhr von jeder Fahrt ein paar Minuten abgezogen wurden. Als er seinen Chef damit konfrontiert, macht er sich über ihn lustig. Wütend verlässt Musulin das Büro und schwört Rache: „Du stiehlst mich, dann stiehl ich dich!“

Zu diesem Zeitpunkt war er fast zehn Jahre lang als Geldbote für Loomis tätig.

Er treibt das Geld jeden Tag umher. Genügend Zeit, um Ideen zu entwickeln

Luca Boscardin

Was wir heute über Toni Musulin wissen, stammt vor allem aus seinen Aussagen vor Gericht und bei der Polizei sowie aus Gesprächen mit seinen wenigen Freunden, Bekannten und Verwandten. Er sprach kaum mit den Medien, er öffnete sich nur der französischen Journalistin Alice Géraud-Arfi, die Musulin wochenlang im Gefängnis besuchte und ein Buch über seinen Fall schrieb.

Toni Musulin ist jemand, der gerne Geschichten über Reichtum und Fülle erzählt, die mit seinem wirklichen Leben wenig gemein haben. Er wurde am 8. Juni 1970 in der Nähe von Grenoble geboren. Seine Mutter, eine einfache Arbeiterin, stammt aus Belgrad, sein Vater, ein Elektriker, ist aus Kroatien eingewandert. Denn seine Eltern arbeiten viel

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