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Die globalen Katastrophen im Blick (nd-aktuell.de)


Flynn Fisher (Chloë Grace Moretz), die Kassandra des 22. Jahrhunderts

Foto: Amazon Prime

Wann ist der Wendepunkt erreicht, an dem die Umweltverschmutzung und die Zerstörung natürlicher Ressourcen so groß sind, dass es kein Zurück mehr gibt und unzählige Menschen dadurch sterben müssen? Diese Frage beschäftigt nicht nur Aktivisten verschiedener Umweltgruppen, die in den Medien auf das Thema aufmerksam machen. In seinem Roman »Periphery« (2014), der inzwischen von Amazon als achtteilige Serie verfilmt wurde, erzählt der Science-Fiction-Doyen William Gibson die Geschichte einer ganzen Kette von zerstörerischen Ereignissen wie Pandemien, Umweltkatastrophen, einem Nuklearunfall u rechte Angriffe, die in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts stattfanden, werden zum Tod von 80 Prozent der Weltbevölkerung führen.

Mit diesem Szenario wird die junge Flynn Fisher (Chloë Grace Moretz) konfrontiert. Sie lebt in einer Parallelwelt, dem zwielichtigen White-Trash-Amerika der 2030er Jahre. Die junge Frau testet Computerspiele für ihren Bruder Burton (Jack Reynor), einen ehemaligen Marine, der an einer posttraumatischen Störung und den Nebenwirkungen seiner digitalen Implantate leidet. Beim Ausprobieren eines völlig neuen Produkts findet sie sich 70 Jahre in der Zukunft plötzlich in London wieder, wo sie Zeuge eines Verbrechens wird. Nur ist es nicht Virtual Reality, wie sie zunächst glaubte, sondern sie ist mit einem sogenannten »Peripheral«, einer Art Avatar, in die Zukunft gereist.

Das London der Zukunft ist eine digitale, hochgradig vernetzte Hightech-Welt, die im Kontrast zum ländlichen, heruntergekommenen Amerika steht, in dem Flynn Fisher lebt. In den 2030er Jahren von Flynns ländlicher White-Trash-Parallelwelt ist China die Industriemacht Nummer eins, Amerika hinkt technologisch hinterher. Flynn arbeitet in einem Geschäft, das schäbige 3D-Produkte herstellt. Bald meldet sich der Ermittler Wilf Netherton (Gary Carr) aus der Zukunft zu ihr, Flynn reist mit ihrem Avatar fortan zwischen den Zeitebenen hin und her und wird in eine komplexe politische Intrige hineingezogen.

Bald greifen auch Menschen aus der Zukunft in Flynns Welt ein, eskalieren bestehende Konflikte und die Situation wird für Flynn und ihren Bruder immer bedrohlicher. Doch bald stellt sich heraus, dass im technisch fortgeschrittenen und stets sauberen London der Zukunft die eingangs erwähnte Kette schrecklicher Katastrophen bereits stattgefunden hat. Während des Jackpots, wie diese eskalierende Krisenkette genannt wird, erfährt die Menschheit gleichzeitig einen massiven Technologieschub, sodass kurze Zeit später Umweltschäden beseitigt und diverse Krankheiten geheilt werden können. Doch für Milliarden Menschen kommt dieser Technologiesprung zu spät.

Die von vielen gehegte Hoffnung, dass die technologische Weiterentwicklung die drohende Klimakatastrophe eines Tages verhindern könnte, ein Topos, den Apologeten gerne so weiterführen und in dem auch der Berliner Soziologe Philipp Staab aus kapitalismuskritischer Perspektive diskutierte Seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem kürzlich erschienenen Aufsatz »Anpassung« (Suhrkamp) wird hier radikal entgegengewirkt.

Stattdessen muss sich Flynn Fisher plötzlich mit der Gewissheit abfinden, dass sie am Leben ist, kurz bevor diese Kaskade von Katastrophen beginnt. Die Serie zeigt auch in Rückblenden aus dem Leben einiger Bewohner des zukünftigen London, wie die dystopische Welt der Klima- und Umweltkatastrophen samt Zivilisationszerfall aussieht. Doch das wirklich Bedrückende, was Buch und Serie gut inszenieren, ist die Gewissheit des kämpferischen Hauptcharakters Flynn, dass er mit dem drohenden Zusammenbruch leben muss. Oder eröffnet dieses Wissen noch die Möglichkeit, etwas zu verändern?

All dies geschieht in einer dramatisch eskalierenden Geschichte über weitere technologische Errungenschaften, wie diese im spätkapitalistischen, konsumorientierten, hypermodernen, digitalen Überwachungsstaat der Zukunft und einer Intrige um politische Macht verwertet werden. All das ist, wie bei William Gibson üblich, in einen komplexen Thriller-Plot verwoben, der in alle Richtungen ausfranst und mitunter geradezu verwirrend wird. Die Serie, die auch einige Inhalte verändert und anpasst, setzt die technologisch fortschrittliche Welt der Zukunft mit Nanorobotern, digitalen Körperimplantaten, beweglichen Tattoos und einer Vielzahl kybernetischer Organismen eindrucksvoll um. Die durchaus sehenswerte Serienadaption ist etwas actionreicher als der Roman.

Verfügbar auf Amazon Prime.