Wirtschaft und Börse

Die Europäische Zentralbank wappnet sich mit einer weiteren kräftigen Zinserhöhung gegen den hohen Leitzins


Rekordinflation im Euroraum zwingt Europas Währungshüter zum Gegensteuern: Die Europäische Zentralbank (EZB) erhöht zum dritten Mal in Folge die Zinsen. Der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der EZB leihen können, stieg um 0,75 Prozentpunkte auf 2,0 Prozent. Zinserhöhungen sind gute Nachrichten für Sparer, haben aber auch eine Kehrseite.

Was bedeutet das für Verbraucher?

Angesichts der hohen Inflation können sich die Menschen in Deutschland und im Euroraum zunehmend weniger für einen Euro leisten. Laut einer Umfrage des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes haben 57 Prozent der Verbraucher in Deutschland ihren Konsum in den vergangenen zwölf Monaten bereits reduziert. Doch auch nach der dritten Zinserhöhung im Euroraum ist auf eine schnelle Entspannung der Preise nicht zu hoffen. Gegen steigende Energiepreise, die vor allem die Inflation anheizen, sind Europas Währungshüter weitgehend machtlos.

Allerdings kann die Notenbank dazu beitragen, dass die Inflationsrate nicht dauerhaft auf einem hohen Niveau verharrt. Die Sorge: „Wenn die Bürger dauerhaft mit einer hohen Inflation rechnen, werden die Gewerkschaften hohe Lohnerhöhungen fordern und teilweise auch durchsetzen“, erklärte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, in einem Gastbeitrag in der „Börsen-Zeitung“. . „Außerdem können Unternehmen höhere Preise leichter durchsetzen, wenn die Menschen ohnehin mit einer hohen Inflation rechnen.“ Es besteht die Gefahr, dass sich Löhne und Preise dann gegenseitig aufblähen.

Was bedeutet das für Sparer?

Fast alle Kreditinstitute haben die Negativzinsen auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto abgeschafft und nähern sich höheren Sparzinsen. „Wir sehen derzeit ein deutliches Comeback klassischer Geldanlagen wie Tages- oder Festgeldkonten“, berichtet Moritz Felde, Geschäftsführer Financial Services bei der Vergleichsplattform Check24. Nach Angaben des Verbraucherportals Biallo werden derzeit für ein einjähriges Festgeld im Schnitt knapp ein Prozent Zinsen gezahlt.

Allerdings nagt die hohe Inflation an den Ersparnissen. „Bei 10 Prozent Inflation ist der Realzins klar negativ. Das ist schlimmer als in früheren Zeiten von Negativzinsen“, erklärt DSGV-Präsident Helmut Schleweis. Der Realzins ist die Verzinsung von Spareinlagen nach Abzug der Inflationsrate. Nach Schätzungen der FMH Finanzberatung werden es vielleicht noch viele Monate sein sogar Jahre, bevor die Zinsen für Festgeld oder Tagesgeld auch nur in die Nähe der Inflationsrate kommen.

Was bedeutet das für Kreditnehmer?

Für sie ist es teurer geworden, sich frisches Geld zu leihen. Für einen neuen Ratenkredit in Höhe von 10.000 Euro bei einer Laufzeit von 36 Monaten zahlen Kreditnehmer laut Check24 aktuell durchschnittlich 8,50 Euro mehr pro Monat als im Januar.

Was bedeutet das für die Zinsen?

Sie sind nicht direkt von EZB-Zinsentscheidungen abhängig, sondern orientieren sich an den Zinsen für Bundesanleihen. Schon vor den Zinserhöhungen der Zentralbank waren die Bauzinsen gestiegen. Höhere Zinsen treffen vor allem diejenigen, die einen neuen Kredit oder eine Anschlussfinanzierung für einen Immobilienkredit benötigen. Bei laufenden Hypothekendarlehen ändert sich der Zinssatz nicht.

Was bedeutet das für die Lebensversicherung?

Bis die klassische Altersvorsorge von höheren Zinsen am Kapitalmarkt profitiert, wird es wohl noch eine Weile dauern. Branchenexperten erwarten, dass Lebensversicherer zunächst sogenannte stille Lasten in der Bilanz abbauen, die durch die Zinswende entstehen, anstatt die Überschussbeteiligung zu erhöhen. Die Überschussbeteiligung, die Versicherungsunternehmen jedes Jahr abhängig von der wirtschaftlichen Lage und dem Erfolg ihrer Anlagestrategie festlegen, ist ein wichtiger Bestandteil der laufenden Zinsberechnung.

Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Die Zentralbanken müssen die Geldpolitik straffen, wenn sie die Inflation bekämpfen wollen. Das entzieht der Wirtschaft Geld, was das Wachstum dämpft. Der Chef der italienischen Zentralbank, Ignazio Visco, warnte kürzlich davor, dass die EZB die Zinsen nicht zu stark anheben werde. „Die steigende Inflation wird jetzt von einer plötzlichen Verschlechterung der Wirtschaftswachstumsaussichten begleitet“, sagte Visco, der im EZB-Rat ein Mitspracherecht in der Geldpolitik hat. „Vor diesem Hintergrund erhöhen zu schnelle und deutliche Zinserhöhungen das Risiko einer Rezession.“



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