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„Deutschland lag weit zurück“ (nd-aktuell.de)


Die Scorpions hatten eine Sonderstellung, weil sie so viel schauspielerten – sogar im Fernsehen.

Foto: dpa/United Archives

Peter Hesslein (Gitarrist bei Lucifer’s Friend): Natürlich wollten wir zuerst live spielen, aber das war schwierig, es gab keine Jobs für uns. Wir gehörten zu den ersten in Deutschland, die diesen Stil übernommen haben. Es gab viele andere Sachen im Radio und Fernsehen. In England gab es Led Zeppelin, Black Sabbath etc., die Zuhörer hatten sich schon mit dieser Musik angefreundet, aber das war in Deutschland nicht so. Das haben wir beim Spielen gemerkt. Irgendwie gefiel es ihnen nicht. Es war nicht so wie heute, dass eine Band auf die Bühne geht und es eine große PA-Anlage gibt. Das war in Deutschland nicht der Fall. Wir gingen mit unseren Verstärkern in die Hand und das war es, nur die Gesangsmikros wurden verstärkt, es war alles Beatles-Ära. Und die Leute konnten sich nicht mit uns identifizieren, diese lauten Gitarren! Erst 1972 oder 1973 konnten sich solche Bands hier etablieren.

Fargopeter Knorn (Bassist bei Fargo): Die Shows waren ein Problem. Wenn man heute als Band in einen Club geht, gibt es eine PA und auch Lichter. Das hatte damals kein einziger Verein. Die Bands, egal ob Black Sabbath oder wer auch immer, mussten alles selbst mitbringen. Und wissen Sie, was damals allein ein Mixer gekostet hat? Ein Vermögen. Und dann die Lautsprecher, Bassbox, Mitteltöner, Hochtöner, Endstufe, dann braucht man eine Lichtanlage. Und dann noch ein LKW, um das Zeug zu transportieren. Wenn Ihr Vater kein Bankdirektor war, konnten Sie sich das nicht leisten.

Stefan Josefus (Schlagzeuger bei FranzK): Die Technik verbesserte sich bald erheblich. Wir haben zunächst mit zwei Dynacord Giant Verstärkern gearbeitet. Irgendwann haben wir uns dann einen Mixer gekauft. Das werde ich nicht vergessen, wir hatten ein Konzert in Brunsbüttel, haben einen Soundcheck gemacht und bekamen plötzlich den NDR, weil das Mischpult so schlecht abgeschirmt war. Da waren so billige Bauteile drin, dass der NDR es ausstrahlte.

Peter Föller (Bassist und Sänger bei Birth Control): Wir hatten einen Mercedes-Bus, einen siebeneinhalb Tonnen schweren Lastwagen, mit dem wir gereist sind. Als wir zum Beispiel 1975 in Spanien waren, hatten wir einen VW T2 Bus und die Roadies fuhren den LKW. Aber das war alles unsere. Es war bei allen gleich, egal wie sie hießen, ob es Nektar oder Epitaph war. Die Engländer auch. Ich kann mich erinnern, dass eines der ersten Konzerte in Hamm mit der Earth Band von Manfred Mann war, die auch mit ihrer eigenen PA kam. Gerade war ihr Album »Solar Fire« erschienen. Ich kannte es nicht einmal, es war das erste Mal, dass ich es hörte. Und ich war sehr fasziniert, weil die PA mit einem Stack pro Seite sehr klein war, es war ein wunderschöner Sound. Wir wollten auch so eine PA und haben sie gekauft. Teile gingen später an Manfred Manns Earth Band, weil sie das gleiche System hatten.

Josephus: Als wir 1976 mit Status Quo auf Tour gingen und beim ersten Konzert in Ravensburg zum Soundcheck kamen, habe ich zu meinem Bruder gesagt: Peter, sowas brauchen wir auch! Allein das Monitorsystem hatte keine kleinen Würfel, sondern Sidefills. Später hatten wir das auch, 2000 Watt nur für die Monitoranlage, ein Mischpult auf der Bühne nur dafür. Und weil das unser Zeug war und das Roadie-Team eingespielt war, konnten sie das gebrauchen, das haben wir natürlich vorher geprobt. Es gab nichts, nichts zu hören. Egal wo wir aufgetreten sind, der Sound stimmte immer. Das hat riesigen Spaß gemacht. Das färbt auch auf die Leute ab, wenn der Sound stimmt.

Hesslein: Jedenfalls gab es für uns keine Möglichkeit, eine Tour zu machen. Wir hatten immer nur One-on-One-Gigs an irgendeinem Ort, und dann waren die Leute wirklich enttäuscht. Was ist das für Musik? Da hatten wir unsere Schwierigkeiten. Deshalb haben wir aufgehört, live zu spielen. Wir hatten selbst nicht viele Kontakte und wir hatten auch keinen Manager, das war nicht so üblich. Doch viele Jahre später kamen Leute von einer Plattenfirma aus den USA, die Krautrock aufkaufen wollten. Sie kamen zu uns und brachten das erste Album in Amerika neu heraus. Das war ein Erfolg. Und danach kamen Anfragen für eine Amerika-Tournee, aber das waren meist vage Geschichten von Typen, die selbst das große Geld machen wollten, aber für die Band wäre nichts mehr übrig geblieben. Dann hat John immer gesagt: Wir müssen Geld verdienen, das geht so nicht. Deshalb haben wir es endgültig aufgegeben, live zu spielen. Wir hatten unsere anderen Einnahmequellen. John Lawton war bei Les Humphries und dann Uriah Heep, ich war bei James Last, Dieter Horns war ein gefragter Studiobassist. Wir waren alle sehr beschäftigt, aber wir haben uns trotzdem getroffen und neue Alben gemacht.

Ulli Meißner (Gitarrist bei Bastard): Damals gab es keine professionellen Agenturen, die dir Jobs besorgen konnten, das wäre illegale Arbeitsvermittlung gewesen. Es gab Grauzonen, aber legal war damals nur das örtliche Arbeitsamt mit seiner Abteilung „Künstlerservice“. Ich habe in 50 Jahren keinen einzigen Auftritt auf diese Weise bekommen.

Christian von Grumbkow (Gitarrist bei Hölderlin): Die meisten Typen, die ein Konzert wie dieses gegeben haben, hatten ein Bein im Gefängnis, weil sie es nicht tun sollten. Dann musste entweder ein vernünftiger Vorgesetzter gefunden werden, der auch die Legitimität dazu hat, oder man geht zur Arbeitsagentur. Nur: Es passiert nichts, wir haben es versucht.

Uli Jon Roth (Scorpions-Gitarrist): Wir hatten einen Manager. Die Scorpions hatten bereits eine Sonderstellung. Wir haben viel mehr gespielt als andere Bands. Es gab nur wenige andere Bands wie Birth Control, die so viel gespielt haben wie wir. In ganz Deutschland, ab Ende 1974 auch im Ausland, zunächst in Holland, dann Luxemburg, Belgien, Frankreich, England. Das hat sich dann ausgeweitet. Das lag daran, dass sich die Scorpions von allen anderen Bands abhoben.

Meißner: Auch die Stadtteilfeste waren damals relativ neu, in Hannover ging es schon Anfang der 1970er Jahre los, aber andere Städte kamen erst später dazu, und dort war es teilweise schlecht organisiert. Wir hatten einen Vertrag für zwei Tage beim Stadtfest in Essen, wir haben uns sehr darauf gefreut, wir wollten uns dort präsentieren, denn ohne Gigs verkauft man keine Platten. Aber dann hatten sie alles an einer Stromleitung hängen, die Bühne mit den Lichtern, die Pommes- und Bratwurststände, und sobald wir auch nur einen Verstärker auf der Bühne anmachten, ging sofort alles los. Aber die Stadt Essen hat nicht lange überlegt: Tja, okay, das geht nicht, das schaffen wir erst morgen, ihr bekommt eure Gebühr für beide Tage überwiesen, und tschüss. Das war natürlich frustrierend. Oder der Auftritt im Jugendzentrum Köln-Porz. Porz ist so eine Trabantenstadt, da haben sie gleich ein nagelneues Jugendzentrum hineingebaut. Allerdings hatten und haben diese städtischen Jugendzentren damals die Eigenschaft, dass die Jugendlichen dort eigentlich gar nicht hingehen. Da kommen wir rein, da war eine vierstellige Gage, alles schon komplett aufgebaut, Lichtanlage, Beschallung, Backline, alles schon da, komplett spielbereit, und dann kommt der Typ vom Jugendzentrum und sagt: Wir kommen sowieso nicht mehr als 25 Leute über den Abend verteilt, also ist es mir egal, was ihr macht. Das Geld bekommst du sowieso, du kannst selbst entscheiden, ob du spielst oder wieder abreagierst, ist mir egal. Oder du warst woanders auf einem Gig und der Club existierte nicht mehr, weil der Veranstalter im Knast saß. Und drei Tage später spielst du vor 5000 Leuten auf der Open-Air-Bühne in Kiel. Das sind gewaltige Gegensätze, die Sie dort erleben. Jeder hat das durchgemacht, die Scorpions sind jahrelang durch die Mühle gegangen.

Föller: Für uns war es hauptsächlich auf Tour. Und dann gab es auch, heute unvorstellbar, Deutschrockfestivals in mittelgroßen Hallen in ganz Deutschland. Es waren immer die gleichen Bands. Aber sie spielten zweimal am Tag. Im Austausch. Ihr habt, sagen wir mal, als dritte Band in Frankfurt gespielt und dann als vorletzte in Bad Mergentheim. In einem Tag. Natürlich war eine PA vor Ort, sodass man sich nicht selbst darum kümmern musste. Interessanterweise gab es damals viele Festivals. Ein ganz großes fand in der Festhalle in Frankfurt statt, das war auch 1973 und wurde sogar von Lippmann + Rau organisiert. 9.000 bis 10.000 Menschen kamen. Dann gab es im Hessischen Fernsehen einen längeren Bericht über die damalige Jugend, wo 10 Minuten »Gamma Ray« liefen. Live! Wir spielten als zweite oder dritte Band, und dann kam »Gamma Ray« und die wollten uns nicht von der Bühne lassen, sie haben applaudiert und es war richtig laut. Aber wir mussten aufhören, wir waren sowieso schon überzogen. Danach hat uns die Firma Lippmann + Rau nie wieder etwas angetan, weil man es auf dem Festival nicht übertreiben kann. Und dann kam Klaus Doldinger, nur wollte ihn keiner hören. Das war wirklich schlimm, das tat mir wirklich leid. Als wir mit Jane oder Kathargo gespielt haben, war alles in Ordnung, aber das war zu krass.

Hesslein: Wir hatten nie einen so durchschlagenden Erfolg, dass es in irgendeiner Weise profitabel gewesen wäre. Die anderen Bands waren viel professioneller, Deep Purple, Led Zeppelin, alle. In England war das Geschäft mit Agenturen und Management viel weiter. Das gab es hier nicht. Wir wussten nicht, an wen wir uns wenden sollten, der so etwas hätte organisieren können. Und die Leute von der Plattenfirma, das waren alles alte Herren, sehr nett, aber die hatten keine Aktien. Es gab ein paar Agenturen, aber die machten höchstens noch Les Humphries oder Schlager und sonst nur Klassik. Rockgruppen traten nicht mit ihnen auf. Deutschland war wirklich weit hinten.

Auszug aus Frank Schäfer: Schweres Kraut. Wie Metall nach Deutschland kam. Reiffer Verlag, 304 Seiten, Hardcopy, 22 €.



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