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Wirtschaft und Börse

Deutsche Kernkraftwerke auf Stand-by – was die Betriebsreserve der Kernkraftwerke bedeutet


Das Kernkraftwerk Isar 2 geht Ende 2022 vom Netz, bleibt aber in Betrieb (Picture Alliance / SVEN SIMON / Frank Hoermann / SVEN SIMON)

Zur Absicherung des deutschen Stromnetzes im Ernstfall soll aus den beiden noch am Netz befindlichen Kernkraftwerken Neckarwestheim 2 und Isar 2 eine Kernkraftwerks-Betriebsreserve gebildet werden. Das dritte, das norddeutsche Kernkraftwerk im Emsland, wird laut Wirtschaftsminister Habeck nicht genutzt. Er stellte seine Pläne als Reaktion auf die Ergebnisse eines neuen Stromnetz-Stresstests vor, die von den vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern vorgelegt wurden. Diese sind für die überregionale Versorgung und Übertragung im Hochspannungsbereich zuständig.

Im Stresstest haben die vier Übertragungsnetzbetreiber unterschiedliche Szenarien zur Entwicklung der Strommarktsituation durchgerechnet. Die Folge: In den Wintermonaten wird die Versorgungslage angespannt. Auch die Netzwerkstabilität ist manchmal kritisch. Eine stündliche Krise im Stromsystem im Winter 22/23 ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber derzeit nicht vollständig auszuschließen. Das bedeutet, dass es unter bestimmten ungünstigen Bedingungen tatsächlich zu Engpässen im Stromnetz kommen kann.

Auch die Szenarien der Netzbetreiber haben die Einspeisung berechnet und kommen zu dem Schluss, dass ein verlängerter Betrieb der Kernkraftwerke hier einen Beitrag leisten könnte. Die Netzbetreiber fordern daher zahlreiche Maßnahmen zur Netzstabilisierung. Es sei daher sinnvoll und notwendig, alle Möglichkeiten zur Erhöhung der Stromerzeugungs- und Transportkapazitäten zu nutzen, sagte Stefan Kapferer vom Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz ließ die Analyse erneut durchführen, um das Risiko für die Stabilität des Stromnetzes im kommenden Winter zu prüfen. Denn die Stromversorgungssituation hat sich verschlechtert: durch die Dürre im Sommer, das Niedrigwasser der Flüsse, den aktuellen Ausfall von rund der Hälfte der französischen Atomkraftwerke und die insgesamt angespannte Lage auf den Energiemärkten seit dem russischen Angriffskrieg In der Ukraine gibt es eine Reihe von Problemen Unsicherheitsfaktoren.

Kühlwasser- und Kohletransport für Kraftwerke sind nicht gewährleistet und viele Wasserkraftwerke in Europa liefern nicht ihre volle Leistung. All dies ist in die Berechnungen der Übertragungsnetzbetreiber eingeflossen.

Das bedeutet zunächst, dass die beiden Kraftwerke wie geplant zum Jahresende abgeschaltet werden, dann aber als Reservekraftwerke vorgehalten werden. Sie produzieren keinen Strom mehr, sondern werden einsatzbereit gehalten: Kühlkreisläufe werden nicht unterbrochen, Sicherheitschecks werden weiter durchgeführt, das Personal bleibt. Wenn absehbar ist, dass die Negativszenarien des Stresstests eintreten, würden die Kernkraftwerke wieder hochgefahren und dann bis April 2023 weiterlaufen.

Karte zeigt die restlichen deutschen Kernkraftwerke

(Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

Ein- und Ausschalten wie bei Gaskraftwerken funktioniert bei Kernkraftwerken nicht. Kernkraftwerke sind auf Grundlastbetrieb ausgelegt: Sie starten sie und sie liefern rund um die Uhr Strom. Die Wiederinbetriebnahme eines abgeschalteten Kernkraftwerks dauert zwischen zwei Tagen und einer Woche. Es hängt zum Beispiel davon ab, welche wiederkehrenden Tests anstehen: Muss die Funktionalität des Notdiesels nur getestet werden, oder sind größere Kontrollen notwendig?

Damit die Betreiber ihre Anlagen wieder hochfahren können, müssen sie ihr gesamtes Personal zur Verfügung haben – ob gebraucht oder nicht. Wie lange die Anlagen produzieren können, hängt davon ab, wie lange der Brennstoff reicht, da keine neuen Brennelemente eingesetzt werden sollen. Für Isar 2 hat Betreiber Eon erklärt, dass bis zum 31.12. Volllast gefahren werden kann und erst dann der sogenannte Reckbetrieb aufgenommen werden darf.

Dieser Reckvorgang gehört zu den üblichen Maßnahmen, um die reine Fertigungszeit eines Reaktorkerns zu verlängern. Die Kühlwassertemperatur wird langsam abgesenkt, damit die Kettenreaktion weitergeht und die Ausbeute an Brennelementen maximiert wird. In der Isar 2 würde dieser Reckbetrieb bis Ende März dauern, im EnBW-Kraftwerk Neckarwestheim 2 hingegen nur bis Anfang Februar. Eon will zunächst prüfen, ob der Plan der Regierung technisch und organisatorisch umsetzbar ist. Vor dieser Überprüfung erwartet die EnBW eine Konkretisierung.

Nach Bekanntwerden eines Ventillecks im bayerischen Kernkraftwerk Isar 2 prüft das Bundesumweltministerium mögliche Folgen für den geplanten Reservebetrieb. Ein Sprecher teilte am 20.9. in Berlin, dass der Betreiber PreussenElektra das Ministerium vergangene Woche über ein internes Ventilleck informierte. Dementsprechend wird die Sicherheit der Anlage nicht beeinträchtigt. Das Kraftwerk kann auch bis zum eigentlich geplanten Betriebsende am 31.12. weiterlaufen. Für den Reservebetrieb über diesen Termin hinaus wäre nach Angaben des Betreibers jedoch bereits im Oktober eine Reparatur notwendig.

Aus Sicht der Netzbetreiber wäre dies eigentlich einer der Bausteine ​​zur Versorgungssicherung und Netzstabilität. „Hier zeigen die Analysen, dass alle drei Kernkraftwerke einen Beitrag zum Abbau der Lastunterversorgung in Europa und in Deutschland leisten. In Deutschland kann so eine Lastunterversorgung weitgehend vermieden werden“, sagt Hendrik Neumann vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion . Einen solchen Streckbetrieb will Habeck nun durch eine Novelle des Energiesicherungsgesetzes ermöglichen, aber nicht automatisch jetzt entscheiden.

Was bedeutet dehnen?
Kommt die atomare Kettenreaktion in einem alten Reaktorkern am Ende seiner Lebensdauer aufgrund fehlenden unverbrauchten Urans langsam zum Erliegen, kann dieser Prozess durch anlagentechnische Maßnahmen um einige Monate künstlich verlängert werden. Beispielsweise wird die Temperatur des Reaktorkühlwassers gesenkt, was dessen Dichte erhöht und die für die Kettenreaktion verantwortlichen Neutronen stärker bremst. Allerdings verliert der Reaktor ständig 0,5 Prozent seiner Leistung pro Tag.

Der mögliche Beitrag der Kernenergie zur Stabilisierung des Stromnetzes ist jedoch begrenzt. „Insgesamt spielt die Kernenergie im Vergleich zu den anderen dringenden Maßnahmen zur Gewährleistung der Netzsicherheit in kritischen Situationen eine untergeordnete Rolle. Auch bei einem Einsatz der drei verbleibenden Kernkraftwerke sind noch erhebliche Eingriffe in den Kraftwerkspark notwendig, um die Netzsicherheit zu gewährleisten“, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Die Atomkraftwerke würden die Stromnachfrage aus dem Ausland nur um 0,5 Gigawatt reduzieren. „Im Ausland würde noch ein Redispatch-Bedarf von 4,6 GW benötigt. Redispatch-Kraftwerke sind Kraftwerke, die den deutschen Markt kurzfristig mit Strom versorgen können, um Netzengpässe auszugleichen.“

Auch die Auswirkungen auf die Strompreisentwicklung sind schwer abzuschätzen, da sich die Energiemärkte derzeit nicht sehr rational verhalten. Ein Weiterbetrieb der Atomkraftwerke hätte nur minimale Auswirkungen auf die Gaseinspeisung und den Strompreis, sagte Felix Matthes vom Öko-Institut zum Dlf.

Rückendeckung gibt es von der Parteispitze. Die Ko-Vorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, betonte noch einmal, dass an den Grundlinien festgehalten werde: Es dürfe keine Laufzeitverlängerung und keine Neuanschaffung von Brennstäben geben. Grüne Umweltministerin Steffi Lemke erklärte, Habecks Vorschlag sei angesichts der schwierigen Lage vernünftig. Für die SPD nannte Fraktionschef Matthias Miersch Habecks Pläne eine gute Grundlage. Scharfe Kritik kommt von den Umweltverbänden.

Habecks Koalitionspartner FDP fordert weiterhin eine echte Laufzeitverlängerung, neue Brennstäbe inklusive. FDP-Fraktionschef Christian Dürr bezeichnete die Pläne im ZDF als ersten wichtigen Schritt, hält aber an der Forderung der Partei nach einer Verlängerung der Laufzeit fest, „damit mehr Volumen auf den Markt kommt. Mehr Volumen bedeutet sinkende Preise.“

Ökonomin Veronika Grimm argumentiert im ZDF in eine ähnliche Richtung: „Vor allem, weil wir die Kosten haben, die Kraftwerke so auszubauen. Aber wir haben gar nicht den Nutzen, nämlich dass sie billigen Strom produzieren, das ist es.“ Das würde helfen, die Strompreise niedrig zu halten.“

Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz äußerte deutliche Kritik. Wahnsinn sei die Entscheidung von Wirtschaftsminister Habeck, die Atomkraft nur noch im Notfall einzusetzen, sagte er im Dlf.

Quelle: Ann-Kathrin Büüsker, Nadine Lindner, Dagmar Röhrlich, SMC, BMWK, oben

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