Skip to content
Costa Rica: Ausbeutung auf Obstplantagen (nd-aktuell.de)


Bananenplantage in Costa Rica

Foto: Alamy/Georg Berg

Flor Mora Quiroz berichtet sichtlich aufgebracht von ihrer Arbeit auf einer Bananenplantage in Costa Rica. Durch die Knochenarbeit erlitt sie schwere gesundheitliche Schäden. Als sie versuchte, sich mit Kollegen zu organisieren, wurde sie gefeuert. Albino Vargas, Vorsitzender der Gewerkschaft Anep, bezeichnet die Arbeitsbedingungen auf den Obstplantagen in dem mittelamerikanischen Land als „moderne Sklaverei“.

Anfang 2022 veröffentlichte Oxfam Deutschland die Studie „Unlimited Exploitation“, die unter anderem über die schrecklichen Zustände auf Obstplantagen in Costa Rica berichtete. Im November machten sich Steffen Vogel und Tim Zahn vom Hilfswerk noch einmal ein Bild von der Lage. „Durch die Bank gibt es überhaupt keine Verbesserungen“, fasst Zahn die Ergebnisse der Reise zusammen. Oxfam berichtet seit 2016 darüber.

Costa Rica ist einer der weltweit wichtigsten Produzenten von Ananas und Bananen. Auch deutsche Handelsketten wie Aldi, Edeka, Lidl und Rewe gehören zu den Kunden. Nicht selten findet man in Supermärkten Obst aus Costa Rica mit dem »Fairtrade«-Siegel und noch häufiger mit dem grünen Frosch der »Rainforest Alliance«.

Doch hinter dem Nachhaltigkeitsversprechen stecken oft Menschenrechtsverletzungen. Arbeitstage von bis zu 13 Stunden in einer Sechs-Tage-Woche, tropischem Klima und Pestiziden ausgesetzt – das ist für Plantagenarbeiter in Costa Rica normal. Die nicht seltene Folge: lebenslange Arbeitsunfähigkeit bereits mit Anfang 40. Häufig wird dafür nicht mehr als ein Almosen gezahlt. Wer sich widersetzt, wie Flor Mora Quiroz, dem droht die Entlassung.

Costa Rica ist stolz darauf, ein Leuchtturm der Menschenrechte zu sein. Für Didier Leitón, Generalsekretär der Gewerkschaft Sitrap, ist es „ein Märchen“. In der Privatwirtschaft herrschte generell eine strukturelle Gewerkschaftsfeindlichkeit, wobei die Bedingungen in den Obstplantagen am schlimmsten waren.

„Das sind Geringqualifizierte, oft Migranten“, berichtet Santiago Ramírez, der als Rechtsberater von Anep vor allem in den ausgedehnten Ananas-Anbaugebieten im Norden Costa Ricas tätig ist. Aus Angst vor Entlassungen akzeptieren viele Arbeitsbedingungen, die sogar die gesetzlichen Mindeststandards unterschreiten. Als bekannter Gewerkschafter ist Ramírez der Zutritt zu vielen Plantagen verboten. Das Arbeitsministerium, das Gesetzesverstöße untersuchen soll, ist keine Hilfe. Chronisch unterfinanziert, hat sie gerade einmal 80 Inspektoren für das ganze Land.

Unter solchen Bedingungen produziertes Obst sollte eigentlich seit dem 1. Januar in Deutschland nicht mehr in Supermärkten erhältlich sein. Das hatten sich zumindest die Befürworter des in Kraft getretenen „Unternehmenssorgfaltspflichtgesetzes“ erhofft. Aber es gebe nur ein »Lieferkettenrecht light«, kritisiert Tim Zahn. Es besteht lediglich die Verpflichtung, sich um angemessene Maßnahmen gegen Menschenrechtsverletzungen zu bemühen. So sieht das Gesetz beispielsweise „angemessene Präventivmaßnahmen“ für Supermarktketten vor, darunter „angemessene Kontrollverfahren“. Wie die zuständige Behörde, das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, diese vage Formulierung interpretiert und ob sie die Praxis der Unternehmen verändert, werde sich in Zukunft zeigen, erklärt Zahn.

Die Kontrollverfahren geraten damit in den Fokus der Kritik. Denn wenn ein Unternehmen seine Produkte zertifizieren lassen möchte, beauftragt es eine akkreditierte Auditierungsgesellschaft wie Ceres, Control Union oder Ecocert. Nach einer Prüfung, einem Audit, melden sie der Zertifizierungsorganisation wie Fairtrade oder Rainforest Alliance, ob das auditierte Unternehmen die geforderten Standards erfüllt. Ist dies der Fall, erhält das Unternehmen das gewünschte Zertifikat für sein Produkt.

Anwalt Ramírez kritisiert dies als „Kommerzialisierung von Arbeitsrechten“. Wenn die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ein Unternehmen nicht positiv beurteilt, erhält sie keine Zahlung und wird wahrscheinlich nie wieder einen Auftrag von ihr erhalten. Und auch die Zertifizierer lebten von positiven Zertifizierungsverfahren. „Ein klarer Interessenkonflikt“, sagt Ramírez.

Auch wenn das Verfahren gesetzeskonform ist, handelt es sich um ein problematisches Verfahren. Plantagenarbeiter in Costa Rica berichten jedoch, dass Unternehmen sie unter Androhung von Entlassungen und Repressionen zwingen, gegenüber Wirtschaftsprüfungsunternehmen positive Aussagen zu machen. Kollegen von Subunternehmern, die unter besonders miserablen Bedingungen beschäftigt sind, dürfen am Tag der Kontrolle nicht einmal auf die Plantage.

Oxfam-Mitarbeiter Zahn kritisiert, dass seit Jahren bewiesen sei, dass eine Zertifizierung Menschenrechtsverletzungen weder aufdecken noch stoppen könne. Dies kann sich nur ändern, wenn Gewerkschaften in die Zertifizierungsprozesse eingebunden werden. Das deutsche Lieferkettengesetz hat dies jedoch noch nicht ausdrücklich vorgeschrieben. Daran habe die Rainforest Alliance als weltweit wichtigster Zertifizierer bislang kein Interesse, berichtet Ramírez.

Auch der aktuelle Vorschlag für das geplante EU-weite Lieferkettengesetz sieht vor, dass Unternehmen bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit für Menschenrechtsverletzungen in ihrer Lieferkette haften müssen, beide Fälle wären aber nach erfolgreicher Prüfung ausgeschlossen. „In dem derzeit diskutierten Vorschlag ist eine Haftungsfreistellung per Zertifizierung faktisch gesetzlich verankert – das ist höchst problematisch“, fasst Tim Zahn zusammen. Das EU-Recht würde sogar weit über das deutsche Recht hinausgehen, denn dies lässt die Frage der zivilrechtlichen Haftung offen.

Entscheidend sei also nach wie vor, wie viel Verbraucher in Deutschland bereit seien, für Ananas und Bananen zu zahlen, sagt Ramírez. »Und wie viel des gezahlten Preises kommt tatsächlich bei den Arbeitern auf den Plantagen an.«