Wirtschaft und Börse

China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner


Vor dem ersten Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz in China drängt die deutsche Wirtschaft auf ein robusteres Vorgehen in Peking. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) appellierte an den SPD-Politiker, einseitige deutsche Abhängigkeiten abzubauen.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) fordert angesichts der von vielen deutschen Managern beklagten Patronage von den chinesischen Behörden die Anwendung gleicher Spielregeln. Der Bundesverband des Großhandels setzt sich für den Ausbau des Freihandels mit befreundeten Ländern ein.

DIHK: Protektionismus ist ein Problem

„Wir müssen schnell einseitige Abhängigkeiten abbauen“, sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm. „Deutschland ist bei vielen mineralischen Rohstoffen mittlerweile stark von China abhängig.“ Anders als bei Öl und Gas gibt es in Deutschland für mineralische Rohstoffe keine nationalen strategischen Reserven.

„Der zunehmende Protektionismus in der Volksrepublik ist aus Sicht der deutschen Wirtschaft ein Problem“, kritisiert DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. „Das Land selbst ist eher isoliert, will sich aber weltweit stärker engagieren, auch hier in Deutschland.“ Deshalb sei es so wichtig, dass sich die Kanzlerin für „gegenseitig identische Regeln, also Reziprozität“ einsetze. Auch hier muss sich Europa klar positionieren.“

BDI: Benötigte Instrumente für mehr Reziprozität

Der BDI sieht das ganz ähnlich: „Zentral für Deutschland als Exportland ist eine proaktivere EU-Handelspolitik, insbesondere gegenüber anderen dynamischen Wachstumsmärkten im asiatisch-pazifischen Raum“, sagte Russwurm. „Eine Handelsstrategie sollte den Zugang zu alternativen Beschaffungs- und Absatzmärkten eröffnen und einen verlässlichen regulatorischen Rahmen setzen. Instrumente für mehr Reziprozität bei öffentlichen Aufträgen und gegen Marktverzerrungen durch Drittstaatssubventionen sind dringend erforderlich.“

Für den Kanzler bedeutet das, die jahrzehntelang ausgetretenen Spuren deutscher Außenwirtschaftspolitik zu verlassen. China ist der weltweit größte Markt für fast alles. Ausgenommen sind nur wenige Nischenprodukte wie Sonnenbänke. Weil Sonnenbräune in China einen niedrigen sozialen Status bedeutet, arbeiten nur Bauern und Bauarbeiter in der Sonne.

Lange keine Debatte über die politische Dimension

Dies gilt nicht für andere Produkte von Autos bis Turnschuhen. Und so sind seit den 1970er Jahren führende deutsche Politiker, vom ehemaligen CSU-Chef Franz Josef Strauß bis zu Ex-Kanzlerin Angela Merkel, bei Besuchen in Peking immer wieder als Türöffner für die deutsche Wirtschaft aufgetreten. Damit verbunden war die Hoffnung, dass sich die chinesische Diktatur in Richtung Rechtsstaatlichkeit ändern würde. Anders als in den USA gab es hierzulande lange kaum eine Debatte über die damit verbundenen politischen und wirtschaftlichen Risiken.

Der Großhandelsverband BGA setzt sich für eine engere Zusammenarbeit mit anderen Ländern ein. „Wenn die Bundesregierung die Abhängigkeit von China verringern will, dann muss sie die Handelsbeziehungen zu anderen Ländern deutlich verbessern“, sagt BGA-Präsident Dirk Jandura. „Wir brauchen endlich Freihandelsabkommen mit Wertschöpfungspartnern im transatlantischen Raum, den Mercosur-Staaten, aber auch mit Indien und anderen Ländern in Ost- und Südostasien.“ Außerdem sollen neue Handelsstrategien entwickelt werden – „zum Beispiel für Afrika“, sagt Jandura.

Manager beschweren sich über Patronage und Scouting

Heute stellt sich weniger die Frage, ob China demokratisch wird, sondern ob sich Deutschland und Europa den chinesischen Forderungen beugen. So forderte Peking zum Beispiel die Beteiligung des Staatsunternehmens Cosco am Hamburger Hafenterminal am Tollerort. Eine deutsche Beteiligung an chinesischer Infrastruktur ist jedoch weitgehend ausgeschlossen. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Beteiligung der Messe München in Shanghai.

Deutsche Manager in China beklagen eine immer stärkere Bevormundung und Ermittlung. „Privatsphäre“ und „nationale Sicherheit“ sind derzeit beliebte Druckmittel der chinesischen Behörden: Ausländische Unternehmen müssen technologische Entwicklungen offenlegen, mit dem Argument, dass das chinesische Gesetz sie dazu verpflichte.

Doch dank jahrzehntelanger politischer Unterstützung sind Deutschlands Unternehmen mittlerweile so eng mit China verflochten, dass eine „Entkopplung“ gravierende Folgen für die deutsche Wirtschaft hätte.

Boykottaufrufe in China schaden deutschen Unternehmen

Das bekannteste Beispiel für ein von China abhängiges Unternehmen ist Volkswagen, der Konzern macht vierzig Prozent seines Umsatzes in China. Gleiches gilt beispielsweise für den Sportartikelhersteller Adidas, der im vergangenen Jahr unter Boykottaufrufen chinesischer Nationalisten litt. Ein altes Sprichwort unter international erfahrenen Managern: In einen Markt kommt man leichter als wieder raus.

„Es gibt zwei große Probleme“, sagt Ökonom Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Da ist zum einen die große Abhängigkeit von Rohstoffen aus China, etwa bei Seltenen Erden.“ Ihre Produktion in Europa sei möglich, aber es sei „zweifellos teurer, dies hier in Europa umweltfreundlich zu tun“. Zudem erwirtschaften viele deutsche Unternehmen einen hohen Anteil ihres Umsatzes in China, sagt Matthes und verweist auf Unternehmen wie Adidas und VW. „Die große Frage ist, was im Falle einer Eskalation des Taiwan-Konflikts und infolge westlicher Sanktionen passieren würde.“

Laut Statistischem Bundesamt war China im vergangenen Jahr mit 246,1 Milliarden Euro wichtigster Handelspartner. „Politisch und wirtschaftlich ist eine Abkoppelung von der Volksrepublik weder wünschenswert noch sinnvoll“, sagt BDI-Chef Russwurm.

So steht Bundeskanzler Scholz einerseits vor der Aufgabe, die Wirtschaftsbeziehungen eng zu halten und gleichzeitig Abhängigkeiten zu reduzieren. Eine Aufgabe wie die Quadratur des Kreises.



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