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Beginn des Wirecard-Prozesses: Sechs Stunden Anklage um Anklage


Stand: 08.12.2022 19:34 Uhr

Welche Rolle spielte Ex-Wirecard-Chef Braun bei der Pleite des DAX-Konzerns? Diese Frage wird seit heute am Landgericht München I diskutiert. Die Vorwürfe gegen ihn und zwei weitere Angeklagte wiegen schwer.

Von Arne Meyer-Fünffinger und Josef Streule, BR

Schnell, modern, der Zeit voraus – dieses Image seines Konzerns pflegt der ehemalige Wirecard-CEO Markus Braun seit Jahren. Am Landgericht München geht zunächst nichts voran. Der Prozess sollte heute um 9 Uhr beginnen. Als Richter Markus Födisch endlich spricht, ist es 9.47 Uhr. Er entschuldigt sich für die Verspätung, er wolle „Öffentlichkeit zulassen“, sagt Födisch.

Arne Meyer-Fünffinger
ARD-Hauptstadtstudio

Frühmorgens, kurz nach fünf Uhr, hatten die ersten Zuschauer in klirrender Kälte vor dem Gerichtssaal in unmittelbarer Nähe der Justizvollzugsanstalt Stadelheim gewartet, um sich einen der begehrten Plätze zu sichern. In den folgenden Stunden wuchs die Zahl der Wartenden, sodass die Einlasskontrolle länger dauerte.

„Marks Vorname?“ – „Das stimmt“

Dann ist es soweit: Markus Braun betritt den holzgetäfelten Gerichtssaal durch eine Seitentür, direkt hinter ihm steht Oliver Bellenhaus, der frühere Geschäftsführer einer Wirecard-Tochter mit Sitz in Dubai. Beide befinden sich noch immer in Untersuchungshaft. Der dritte Angeklagte, der frühere Chefbuchhalter von Wirecard, ist auf freiem Fuß.

Braun trägt an diesem Tag einen dunkelblauen Anzug, dazu den obligatorischen dunklen Rollkragenpullover. Das hat Braun jahrelang getan, als er CEO von Wirecard war. Der Bezug zu Steve Jobs, dem verstorbenen Apple-Gründer, war schon damals unübersehbar. Mit schlaksigem Gang geht Braun direkt auf die lange, weiße Sitzreihe zu, wo seine vierköpfige Abwehrmannschaft bereits Platz genommen hat.

Braun sitzt auf dem Stuhl neben Rechtsanwalt Alfred Dierlamm, der ihn vor der Wirecard-Insolvenz am 25. Juni 2020 beraten hat. Im Laufe des ersten Verhandlungstages beugt er sich immer wieder zu seinem Verteidiger. Der gebürtige Wiener sprach nur einmal, als Richter Markus Födisch die Personalien des Angeklagten prüfte. „Ihr Vorname ist Markus?“ „Das ist richtig“, sagt Braun laut und bestimmt und zieht das Mikrofon dicht an seinen Mund. Den Rest des Tages hört man nichts mehr von ihm.

90 Seiten Anklage

Vor dem 53-Jährigen steht ein Laptop. Während der Staatsanwalt die Anklage verliest, starrt Braun auf den Bildschirm. In den rund sechs Stunden erträgt er es mehr oder weniger bewegungslos, wie die Ermittler ihm und den beiden Mitangeklagten Anklage um Anklage vorwerfen. Die Anklageschrift umfasst rund 90 Seiten.

Laut Staatsanwaltschaft waren die drei Angeklagten Braun, Bellenhaus und der ehemalige Wirecard-Chefbuchhalter Teil einer Bande. „Ihr Ziel war es, die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen der Wirecard AG auf Konzernebene durch das Vortäuschen von Einnahmen und Gewinnen aus Transaktionen mit sogenannten Third Party Acquirern (im Folgenden TPA) aufzublähen, um das Unternehmen finanzstärker und leistungsstärker darzustellen attraktiv für Investoren und Kunden“ – so lautet einer der Kernsätze der Anklageschrift, die zum Kern des Wirecard-Skandals führt.

Dreh- und Angelpunkt ist die Frage, ob das Online-Zahlungsabwicklungsgeschäft von Wirecard mit Drittpartnern wie Payeasy auf den Philippinen und Al Alam in Dubai wirklich existiert hat. Der Angeklagte Oliver Bellenhaus hat in den Vernehmungen der vergangenen Monate ausgesagt, dass dieses Geschäft komplett erfunden war. Bellenhaus, der als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft gilt, wird in Kürze persönlich im Prozess zu Wort kommen.

Fast zwei Milliarden werden heute noch vermisst

Berichten zufolge will sich auch Braun zu dem Verfahren äußern. Seine Verteidigung betont seit Wochen, der Ex-Chef sei ein Opfer des ehemaligen Vorstandsmitglieds Jan Marsalek, der in Russland untergetaucht sein soll. Braun und seine Verteidiger sagen, sie hätten Beweise für die Existenz des Drittgeschäfts. Wirecard brach im Juni 2020 zusammen, weil 1,9 Milliarden Euro aus diesem Geschäft, die auf Treuhandkonten für Wirecard in Manila verwahrt werden sollten, nicht auffindbar waren. Bis heute sind sie es nicht.

Dieses Geld hat es laut Staatsanwaltschaft und Insolvenzverwalter Michael Jaffé nie gegeben. Brauns Verteidigungsteam sagt, eine Bande um Marsalek und Bellenhaus habe Hunderte Millionen ins Ausland verschoben – in verschachtelte Firmenstrukturen.

100 Prozesstage sind angesetzt

Die 4. Strafkammer des Landgerichts München I hat 100 Verhandlungstage bis Ende Dezember 2023 angesetzt und bereits angedeutet, dass das Verfahren voraussichtlich bis ins Jahr 2024 dauern wird. Der erste Verhandlungstag endet relativ unspektakulär am frühen Abend. Draußen ist es schon lange dunkel. Tageslicht bekamen Prozessbeteiligte und Zuschauer nur in den kurzen Pausen. Durch die Fenster im unterirdischen Gerichtssaal kommt kaum Licht.

Der zweite Verhandlungstag ist für kommenden Montag angesetzt, der wieder um 9 Uhr beginnt. Dann geht der Prozess erst richtig los, und die ersten Statements der Verteidigungsteams sind geplant.

Wie will Braun aus diesem herauskommen / Wirecard-Prozess hat begonnen

Arne Meyer-Fünffinger, ARD Berlin, 08.12.2022 18:49 Uhr