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Aus der Schmoll-Ecke: Deutschland, du ach so wunderbare Kulturnation


Wer die Welt wahnsinnig gut verstehen will, muss einfach „in die Tiefe gehen“, in die „Lichtschichten“. Oder Sie sehen sich eine Show mit Florian Silbereisen und seinen „Stars“ an. Eine Erweckungserfahrung, wie unser Kolumnist zu wissen glaubt.

Liebes Publikum, willkommen zu meinem neusten Gedankenausbruch. Wenn Sie mir nicht folgen können, machen Sie sich keine Sorgen – das passiert mir immer wieder. Nach Jahrzehnten auf der Erde frage ich mich immer noch, was mit meinem Unterbewusstsein, diesem Schwein, zu tun hat. Außerdem: Du wolltest es so, niemand hat dich gezwungen, auf die Überschrift zu klicken.

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich als gelesener Mann heute als Frau schreiben soll. Oder wie ich es nicht genau weiß. Eine noch größere Herausforderung wäre es für Sie, ein Werk von einer Person zu lesen, die sonst als Mann gelesen würde, die plötzlich als Frau schreibt oder es nicht genau weiß. Das würde meine Chancen erhöhen, endlich einen Preis zu gewinnen, obwohl die Jury natürlich nur meine künstlerischen Qualitäten loben würde und nicht, wer ich auf dieser Welt bin. Das spielt keine Rolle. Hauptsache ich bin und bleibe ein sehr guter Mensch.

„Er ist verrückt!“

Hör auf. Ich will euch in diesen Zeiten des großen Wahnsinns nicht weiter verwirren. „Wahnsinn in Madrid: Hradecky pariert Elfmeter nach Abpfiff“, lese ich und denke: Wahnsinn! Muss der arme Torhüter jetzt in die Psychiatrie, nur weil er seinen Job bestmöglich macht? Wenn das der Fall wäre, wäre ich auch bereit für die Ohrfeigen. Tatsächlich denke ich oft, dass ich gleich durchdrehe, was nichts mit meinen neuen Mietkosten zu tun hat.

Die Wörter wahnsinnig, durchgeknallt und wahnsinnig verwende ich öfter als früher, am besten verstärkt durch eine Summe davor. Wenn ich die oben genannte Auszeichnung erhalten würde, würde ich sagen: „Ich freue mich riesig über die Auszeichnung. Es ist verrückt, dass die Jury mich ausgewählt hat.“ Dann würde ich mir die Haare rasieren und „Venceremos“ singen, weshalb es bald auf Twitter hieß: „Er singt schlecht.“ Meine Verteidiger entgegnen dann: „Der ist einfach verrückt.“ Und: „Er hat den Preis fürs Schreiben gewonnen und nicht fürs Singen.“ Dann kommt Harry Welzer (Anm. d. Red.: eine Soziologin, die unter anderem in „Anne Will“ auffiel) und moniert, die 45 Minuten Standing Ovations seien eindeutig zu lang gewesen für jemanden, der weitere Waffenlieferungen in die Ukraine befürworte und damit seinen Teil zur „ethischen Überanstrengung“ leiste.

Auf so einen wahnsinnig intellektuell klingenden Ausdruck wie „ethische Überanstrengung“ muss man erst mal kommen. Ich kann es nicht. Aber ich habe auch nicht studiert. Ich staune oft, wie eloquent andere trotzdem erfolgreich unterdrückt werden, verteidigte kürzlich im Schweizer Fernsehen ein Buch, das Elke Heidenreich und Philipp Tingler doof fanden, mit den Worten, seine Gegner wollten nicht „in die Tiefe gehen“, in die „Schichten“. des Lichts, wo beim achten Licht diese Künstlichkeit der künstlichen Intelligenz, dieser große Reset von Schwab, so zusammengefasst wird, dass man den Menschen mit dem Übermenschlichen, mit dem Cybermenschen überwinden will, was ich noch nie hatte mit solcher Schärfe und Genauigkeit lesen“.

Als Flori mit Nena…

(Foto: IMAGO/Zukunftsbild)

Er meinte es ernst und nicht ironisch. Vor dem Great Reset kommt also der grosse Blödsinn – und schafft es sogar ins Schweizer Fernsehen. Zum Glück haben wir die ARD, eine Garantie für Schärfe und Genauigkeit. Kürzlich saß ich am Bett eines Menschen, den ich sehr mag, und habe mit ihm am ersten eine Show mit Florian Silbereisen geschaut. Sehr gutmensch wie ich bin, habe ich fast zwei von mehr als drei Stunden ausgehalten und konnte mir ein Bild von der deutschen Kulturnation machen.

Werbung verboten, Ausnahmen für Stars

Herr Silbereisen feierte seine hundertste „Show“, wenn ich das richtig verstanden habe. Ross jedenfalls nannte es „Wahnsinn“. Herr Silbereisen schloss sich der Einschätzung an: „Das ist verrückt.“ Ich weiß nicht, ob sich die Ergebnisse auf das Geld bezogen, das für solche Shows ausgegeben wurde. Die Gebühren sind unabhängig von Marktlage und Heizkosten. Aber auch das ist zweit- oder drittklassig, denn die „Shows“ machen offensichtlich Millionen Menschen glücklich. Dies darf in Zeiten des Wahnsinns inklusive Depression nicht vergessen werden.

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… aber dann fliegen die Funken!

(Foto: IMAGO/Zukunftsbild)

Meiner Meinung nach hat die ARD hier ihren Informations- und Aufklärungsauftrag erfüllt: Alle „Stars“ der „Show“ hatten die Möglichkeit, Spekulationen über etwaige Beziehungsprobleme zu widersprechen. Das informiert und klärt auf. Für die Volkswirtschaft ist wichtig, dass die „Stars“ nach 20 Uhr für ihre CDs, Tourneen und Backbücher („Wieder tolle Rezepte von meiner Oma“) werben könnten, was dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eigentlich untersagt ist. Aber bei den „Stars“ einer hundertsten „Show“ verschließen wir gerne die Augen.

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Herr Silbereisen schließt grundsätzlich Frauen ein. Auch in seinen Armen.

(Foto: IMAGO/Zukunftsbild)

Herr Silbereisen war progressiv und schloss Frauen ein. Also in der Sprache und nicht in einem Raum oder Gefängnis. Er sagte immer „Zuschauer“, um einen Shitstorm zu vermeiden. Harry Welzer hatte nichts zu meckern, denn Standing Ovations gab es nicht wirklich, da alle im Publikum waren. Auch People of Color durften mitmachen. Als Andy Sowieso „I’m coming back to Amarillo“ sang, fügte ein Chor aus Schwarzen ein „Schalalala“ hinzu, was ich für die Leute erniedrigender fand als den Namen „Mohrenstraße“. Weiße singen Hits. Dass sich niemand aufregte, lag wohl daran, dass die Verteidiger der Betroffenen am Samstagabend bei Antirassismus-Lesungen im Prenzlauer Berg waren und die hundertste „Show“ von Herrn Silbereisen nicht gesehen haben.

Hat Liszts h-Moll-Sonate programmatischen Charakter?

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Das ist total süß! Für die kommende kalte Zeit….

(Foto: IMAGO/Zukunftsbild)

Herr Silbereisen stellte den „Stars“ Fragen von „Zuschauern“, die die Nation bewegen. Sie denken jetzt: Werde ich morgen noch meine Miete zahlen können? Werden Kremlpflaster eine Atombombe zünden? Hat die h-Moll-Sonate von Franz Liszt programmatischen Charakter? Und warum wurde Van Gogh zu seinen Lebzeiten nicht als das Genie anerkannt, das er zweifellos war? Nein, jemand wollte von einem „Star“ wissen, wie er es schafft, trotz seines Alters so gut auszusehen. Trotz seines „Star“-Daseins präsentierte er sich als ein unglaublich normaler Mensch: „Ich sehe normal aus, ich schlafe gut. Ich esse gut – und das war’s. Ich bin überhaupt nicht eitel vor dem Spiegel – alles ist falsch.“

Von einem „Überraschungsgast“ für Herrn Silbereisen war die Rede. Ein „Star“ hatte einen „Hinweis“, dass sie „eine Sängerin“ sei. Herr Silbereisen sagte: „Es ist ein Sänger.“ Thomas sagte jedenfalls: „Es ist ein Sänger.“ Ein „Star-in“ (Frau) sagte: „So weiblich“. Ross sagte jedenfalls: „So weiblich.“ Thomas jedenfalls sagte: „Ja, die Sängerin ist weiblich.“ Der „Star-in“ sagte: „Wir haben gleich eine Künstlerin auf der Bühne.“

Spezialeinsatz „Herausfordernde Zeiten“

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…. Nena hat etwas Warmes für Flori mitgebracht. Dafür sind Freunde da!

(Foto: IMAGO/Zukunftsbild)

Das war perfekte Unterhaltung, die Schwabs Reset in ein neues Licht rückte. Der „Überraschungsgast“ war Nena, die mit den 99 Luftballons. Sie sang ein Lied. „Ich denke, dieses Lied gibt uns allen Hoffnung in dieser Zeit, in der wir leben“, sagte Herr Silbereisen und konnte nicht mich gemeint haben. Das Lied hat mir nichts gegeben. Frau Nena sagte, dass „wir nicht so viel Hoffnung brauchen, sondern innere Stärke, die wir alle in uns tragen“. So einfach ist das. Dann sprach Frau Nena von „herausfordernden Zeiten“, was nach einem Sondereinsatz klang. In „Shows“ spricht man besser nicht über Krieg, Atombomben, Corona und Angst.

Frau Nena wollte für ihre Konzerte nicht „viel Werbung machen“ – „obwohl, warum nicht?“ Als Dankeschön überreichte sie Herrn Silbereisen einen Schal. Er deutete eine Gegenleistung an, die Frau Nena offenbar für unnötig hält. „Es ist alles im Gleichgewicht.“ Super. Dann auf zur 101. „Show“!

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