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Deutschland Nachrichten

Armut und Klasse: Vortreten, auftauchen, zurücktreten (nd-aktuell.de)


Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Es gibt schlechtere Zeiten, um eine Kolumne zu beginnen. Dem kann man durchaus zustimmen, dass es generell bessere Zeiten gibt. Ziel dieser Kolumne ist es, (gesellschafts-)politische Ereignisse mit den Augen der Unterschicht zu bewerten. Der Name „Klassentreffen“ ist Programm. Nicht in dem Sinne, wie man es sich vielleicht vorstellt: Zehn Jahre nach dem Abitur erzählen sich Timo und Tamara, wie toll ihre Karriere läuft. Es ist eher ein Treffen derer, die zu so einem Treffen nicht kommen würden, weil man in dieser Gesellschaft besser nicht mit Hartz-IV-geprägten Lebensläufen, pardon Bürgereinkommen, prekärer Elternschaft und chronischen Krankheiten auftrumpfen sollte.

Das Treffen im »Klassentreffen« kann übrigens wörtlich genommen werden. Von Zeit zu Zeit wird dieser Kolumnenraum zu einem Ort, an dem ich mich mit Armutsbetroffenen, mit Armutsaktivisten und anderen Schriftstellern austauschen möchte – über die Stigmatisierung armer Menschen, über Wut, Hilflosigkeit und Wege daraus.

Aber wer ist dieses Ich eigentlich? An dieser Stelle ein paar Sätze zu mir: Ich bin 34 Jahre alt, komme aus Hamburg und bin in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Schulden, psychische Erkrankungen in der Familie, Aufwachsen bei einer alleinerziehenden Mutter – das alles kenne ich. Meine 20er verbrachte ich im Supermarkt, in Lagern, auf Baustellen und in Cafés als Multijobber. Ich bin seit einiger Zeit Journalist und Autor. Ich arbeite frei, das heißt: Der Titel meines ersten Buches »Keine Aufstiegsgeschichte« ist hier Programm. Denn Selbstständigkeit bedeutet, dass einem die Existenzangst im Nacken sitzt.

Ich habe mich mit der Frage nach dem Vortreten beschäftigt: Die Kolumne als Ort, an dem Probleme und Lebensumstände der Unterschicht diskutiert, beschrieben und skandalisiert werden. Auch die Frage des Aussehens: Die Säule als Treffpunkt, als Schreibplatz zur Selbstermächtigung, damit die Klasse selbst irgendwann eine Klasse für sich werden kann. Eine Klasse, die aus vielen Mündern artikuliert: So wie es bisher war, kann es so nicht weitergehen.

Bleibt die Frage nach dem Einzug in die Nacht: Das Jahr war noch keinen Tag alt, als der Medienmob aus Polizeigewerkschaften und bürgerlicher Presse die »Silvesterkrawalle« zu einem Rassismusproblem machte. Was hat das mit Klasse zu tun? Ganz einfach: Experten, die zum Thema Gewalt und Männlichkeit arbeiten, finden andere Gründe für die Ausschreitungen. Wer die soziale Dimension der Krawalle mag: Wo viele (männliche) Jugendliche und junge Erwachsene das Gefühl von Ohnmacht und Chancenlosigkeit verspüren, schlagen diese Erfahrungen in bestimmten Momenten in Gewalt um.

Das Beispiel Silvester zu nehmen bedeutet, dem rassistischen Framing entgegenzuwirken, das sich durch Medienberichte in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt hat. Es bedeutet zu dekonstruieren, wo flache und gefährliche Erzählungen entstehen. Und es bedeutet Rückblick: Nein, arme männliche Jugendliche und junge Erwachsene sind nicht per se gewalttätig. Aber niemand muss sich wundern, wenn es knallt.

Es ist eine Frage des Willens – und der Klasse – sich mit den Lebenswirklichkeiten der Menschen von unten auseinanderzusetzen. Neben dem Willen spielen auch die Medien eine Rolle: Arm sind immer die anderen. Sie stehen Schlange am Tisch, suchen nach Pfandflaschen, betteln. Dass fast jeder Sechste in Deutschland in relativer Armut lebt und ein Großteil dieser Armut im Verborgenen liegt, zeigt sich erst langsam. Diese Kolumne soll dazu beitragen, diese öffentlichen Bilder von Armut zu korrigieren.



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