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Antirassismus: Mut und Musik (nd-aktuell.de)


Marianne Ballé Moudoumbou in der Staatskanzlei. Brandenburgs Integrationsbeauftragte Doris Lemmermeier hält für sie das Mikrofon.

Foto: dpa/Annette Riedl

Als Axel Grafmanns und seine drei Kollegen von der Hilfsorganisation »Wir ack’s an« auf die Bühne gebeten werden, ziehen sie ihre Jacken aus. Sie tragen demonstrativ T-Shirts mit der Aufschrift „Abschiebelager BER verhindern“ auf Brust und Rücken. Ein Blumenstrauß ist ganz nett, am liebsten wäre es ihnen, wenn Innenminister Michael Stübgen (CDU) auf das geplante Abschiebezentrum am Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld verzichten würde, so die Vereinsvertreter.

Am Montag werden in der Potsdamer Staatskanzlei Bänder für Mut und Verständigung verliehen. Einen Sonderpreis erhält der Verein »Wir sind Ansack«, der Hilfstransporte organisiert. Er nutzt die Gelegenheit für politisches Handeln. „Ich war 89 auch auf der Straße«, versucht Vereinsvorstand Axel Grafmanns Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ins Gewissen zu reden. Das Abschiebelager ist mit den Werten von 1989 nicht zu vereinbaren. Auf die Frage, wann er selbst in seinem Leben Mut beweisen müsse, hatte der Politiker zuvor von seiner Zeit in der Evangelischen Studentengemeinde in Ost-Berlin berichtet. Bei den Treffen in den 1980er Jahren „stand die Stasi vor der Tür“, sagte Woidke.

„Wir haben ein bisschen Probleme mit dem Preis“, gibt Grafmanns zu. »Wir haben entschieden: Wir nehmen es an und widmen es allen Flüchtlingen.« Die Betonung liegt auf »alle«. Denn den Grafmanns sei eine „krass Ungleichbehandlung“ aufgefallen. Er ist nicht der einzige Preisträger, der dies anspricht. Als Reaktion auf rechte Gewalttaten vergibt seit 1993 ein Berlin-Brandenburgisches Bündnis aus Politik, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden, Landessportbund und Kirchen das Band für Mut und Verständigung. Es ist ein Preis für Zivilcourage. In den Corona-Jahren 2020 und 2021 wurde sie nur einem kleinen Kreis präsentiert. Auch die Sieger dieser beiden Jahre werden am Montag auf die Bühne eingeladen, darunter Obiri Mokini aus Potsdam. Er selbst lebte jahrelang in Asylheimen und konnte sich erst nach 15 Jahren in Deutschland sicher fühlen, nicht mehr nach Liberia abgeschoben zu werden. Nun wendet sich Mokini stellvertretend für die Flüchtlinge an Ministerpräsident Woidke und sagt: „Bitte behandeln Sie uns wie Flüchtlinge aus der Ukraine.“

Applaus bricht im Saal aus, wie später bei den Grafmanns oder früher bei der Preisträgerin Marianne Ballé Moudoumbou, als sie sagte: „Was wir in Brandenburg nicht brauchen, ist ein Abschiebezentrum. Wir brauchen ein Willkommenszentrum.« Die schwarze Frau lebt in Potsdam und engagiert sich unter anderem im Zentralrat der Afrikanischen Gemeinschaft und in einer panafrikanischen Frauenorganisation gegen Rassismus. Der Grundgedanke ihrer Projekte ist soziale Gerechtigkeit. „Sie versucht immer, den Kühlschrank zu füllen, wenn jemand kommt“, lobt eine Assistentin. Auch ein schwarzer Student, der aus Charkiw in der Ukraine flieht, ist von Ballé Moudoumbous Wärme beeindruckt. Sie selbst warnt vor einem aufkeimenden Faschismus und zitiert den Schriftsteller Bert Brecht: „Der Schoß, aus dem er gekrochen ist, ist noch fruchtbar.“

Auch Stephan Jäkel und Ebru Schäfer aus Berlin werden am Montag geehrt. Er arbeitet in der Schwulenberatung und hilft zum Beispiel Homosexuellen aus und in Ghana. Er widmet seinen Preis »allen Queers, die unter deutlich erschwerten Bedingungen für die Gleichberechtigung in ihren Gesellschaften kämpfen«. Aufgewachsen, um Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft zu behandeln, sammelt sie unter anderem Spenden, um Flüchtlingskindern Weihnachtsgeschenke zu geben. Anfang 2022 sei für die ukrainischen Flüchtlinge deutlich mehr gespendet worden als 2015 für die syrischen, sagt Schäfer. Inzwischen ist die Spendenbereitschaft angesichts der gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise gesunken.

In der Band von Rainer Max Lingk, die bei der Preisverleihung spielt, singt eine Frau aus dem ukrainischen Mariupol, unter ihren Gitarristen ist ihr junger Landsmann Dima. „Leider versteht Dima noch kein Deutsch, ist erst seit kurzem dabei, spielt aber super Gitarre“, sagt Lingk, der seit 2016 die Musikschule „Estabien“ in Ostprignitz-Ruppin leitet und mit dem Nachwuchs arbeitet Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund. „Musik bringt Licht ins Dunkel von Hass, Gewalt und Ignoranz“, glaubt Lingk, der am Montag eine Schleife für Mut und Verständnis erhält.