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Politische Nachrichten

Am Ende der Wertschöpfungskette (nd-aktuell.de)


Ghana rückt in der Kakao-Wertschöpfungskette nach oben: Die Bohne wird nicht nur exportiert, sondern zunehmend zu Kakaomasse, Kakaopulver oder sogar Schokolade verarbeitet.

Foto: AFP/Christin Aldehuela

Südafrikas Industrieminister Ebrahim Patel brachte es beim Besuch von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck auf den Punkt: Er forderte eine „grüne Industrialisierung“ des Kontinents. Afrika, ein gefragter Rohstofflieferant unter anderem für Batterien, will selbst in die Zellproduktion einsteigen können – und letztlich in die Produktion von Elektroautos. „Wir müssen verhindern, dass Afrika beim grünen Wandel der Wirtschaft abgehängt wird“, warnte Patel.

Was Patel für die grüne Umstellung der Wirtschaft verhindern will, ist das Muster aus den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten. Seit der Kolonialzeit ist Afrika in seiner Rolle als Rohstofflieferant fest etabliert. Laut dem Africa Business Guide besitzt der Kontinent 40 Prozent des weltweiten Goldes und bis zu 90 Prozent Chrom und Platin. Außerdem liegen dort zwölf Prozent der weltweiten Ölreserven sowie sieben Prozent des Erdgases. Dieses Muster zeigt sich auch im Handel mit den USA: Während afrikanische Länder hauptsächlich Bodenschätze verkaufen – allein Rohölexporte machen bereits ein Drittel der Gesamtexporte in die USA aus –, werden verschiedene verarbeitete Produkte aus den USA importiert. Insgesamt ging der Handel zwischen afrikanischen Ländern und den USA von 2016 bis 2021 stark zurück, während der Handel mit China zunahm. Das Handelsvolumen zwischen afrikanischen Ländern und China war mit rund 200 Milliarden Dollar fast viermal so hoch wie das mit den USA. Größter Handelspartner Afrikas sind traditionell jedoch die EU-Staaten, die zusammen China mit rund 230 Milliarden Dollar überflügeln.

Die Industrieländer hingegen lassen kaum Spielraum für die Entwicklung eigener Wertschöpfungsketten. Die USA, die EU und China nehmen einander nicht viel ab. Das Interesse an Afrikas Rohstoffen ist groß, aber wenig daran, dort Wertschöpfungsketten aufzubauen. Der Begriff Wertschöpfungskette beschreibt die Stufen vom Ausgangsmaterial bis zum Endprodukt, wobei die Wertschöpfung in der Regel mit dem Grad der Verarbeitung steigt. Auf dem Markt für verarbeitete Produkte lassen sich höhere Preise erzielen, sei es für Schokolade statt Kakaobohnen oder für Textilien statt Baumwolle oder Benzin statt Rohöl.

Das Beispiel Ghana zeigt, dass der Aufbau von Wertschöpfungsketten erfolgreich sein kann. Die dortige Regierung hat in den vergangenen zehn Jahren eine Industriepolitik vorangetrieben, die erste Früchte trägt. Seit der Kolonialzeit ist Ghana auf den Export von Rohstoffen angewiesen, insbesondere von Gold und Kakaobohnen. Auch Öl wird seit Ende 2010 gefördert, nachdem das britisch-irische Unternehmen Tullow Oil und das US-Unternehmen Kosmos Energy 60 Kilometer vor der Westküste ein neues Öl- und Gasvorkommen mit geschätzten 500 bis 1000 Millionen Barrel förderbarem Öl entdeckt hatten Ghana im Jahr 2007. Öl ist mittlerweile das drittwichtigste Exportgut.

Der Kakaosektor ist ein Beispiel für einen erfolgreichen Industrialisierungsansatz. Laut der International Trade Center ITC Trade Map beispielsweise stiegen die Exporte von Kakaopaste – der ersten Stufe der Kakaobohnenverarbeitung – von nur 15 Millionen US-Dollar im Jahr 2011 auf 500 Millionen US-Dollar im Jahr 2021. Kakaopaste wurde damit zum viertgrößten Handelsgut Ghanas Beim Export bleibt der Anteil mit 3,3 Prozent der Gesamtausfuhren jedoch bescheiden. Auch Kakaobutter, die zweite Stufe der Kakaobohnenverarbeitung, stieg von 0,4 Prozent auf 2,3 Prozent der Warenexporte. Die Exporte von Kakaopulver, der dritten Verarbeitungsstufe, sind ebenfalls von nur 500.000 USD im Jahr 2011 auf 130 Millionen USD im Jahr 2021 gestiegen. Fortschritte von einem niedrigen Niveau aus.

Afrikas großes Potenzial für nachholende Entwicklung liegt vor allem in der Landwirtschaft. Die Mehrheit der afrikanischen Bevölkerung lebt derzeit in ländlichen Gebieten. Obwohl die Modernisierung der Landwirtschaft hinterherhinkt, sind die besten Aussichten auf Arbeitsplätze bereits in der modernen Land- und Agrarwirtschaft, die die urbanen Zentren mit Nahrungsmitteln versorgt. Auch weniger gebildete Arbeitssuchende – wie die meisten jungen Arbeitnehmer – können hier einen Job finden. Insgesamt drängen jährlich rund 20 Millionen junge Menschen in 55 afrikanischen Ländern auf den Arbeitsmarkt; nur ein Bruchteil wurde bisher absorbiert. Das gilt für Akademiker ebenso wie für Schulabbrecher.

Das Potenzial der 100 Millionen Kleinbauernfamilien, die maximal zwei Hektar bewirtschaften, ist noch nicht ausgeschöpft. Dies gilt sowohl für die Regierungen Afrikas als auch für die Regierungen des Nordens, wobei sich letztere dafür einsetzen, Marktasymmetrien zu Lasten der Kleinbauern zu fördern, anstatt sie zu beseitigen und den Kleinbauern faire Chancen zu geben. Gefördert wird nur exportorientiertes Agribusiness.

Der im Jahr 2000 von den USA verabschiedete „African Growth and Opportunity Act“ (Agoa), der es afrikanischen Ländern erlaubt, bestimmte Waren zollfrei zu exportieren, läuft 2025 aus und hat bisher vor allem die Textilindustrie gefördert. Sie wird aber auch von den USA immer wieder als handelspolitische Waffe eingesetzt. Etwa 2018 gegenüber Ruanda, als das Land seine Einfuhrzölle erhöhte, um die eigene Textilindustrie vor Altkleiderimporten zu schützen. Oder 2022 gegen Äthiopien, Mali und Guinea wegen Menschenrechtsverletzungen und Putschen. China bleibt politisch neutral, schafft sich aber Einfluss und Abhängigkeiten durch Kredite. Bisher streben weder die USA, China noch die EU ernsthaft eine Partnerschaft auf Augenhöhe an.



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