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Abstand eV: Zwischen Prävention und Ausstiegsarbeit



Bericht

Stand: 28.10.2022 19:28 Uhr

Der Verein „Distance eV“ will die Lücke zwischen Prävention und Ausstieg im Kampf gegen Rechtsextremismus schließen – mit sogenannter Distanzierungsarbeit. Das Projekt ist eines von vielen in der ARD– Themenwoche „Wir wollten“ präsentiert.

Jonas prügelte sich auf dem Schulhof, war mit 14 fast jedes Wochenende betrunken und beleidigte seine Mitschüler. Schulverweis und Gespräche mit den Eltern änderten nichts, niemand kam wirklich an den Jungen heran. In seiner Clique wurde er für seine „Taten“ sogar gefeiert und immer mehr aufgehetzt. Als der Junge dann mitten auf dem Schulhof den Hitlergruß hielt, kam der Distanzierungsverein ins Spiel.

Schulsozialarbeiter und Schulleiter hatten den Verein gerade kennengelernt und Jonas vor die Wahl gestellt: Entweder du redest mit den Leuten oder du wirst von der Schule geflogen. Eine letzte Chance sozusagen. Und Jonas willigte schließlich ein, sich diesen Club zumindest einmal anzuschauen.

Die ARD sucht Initiativen gegen die Spaltung

In einer Mitmachaktion fragt die ARD, wie Konflikte erlebt werden und wo sich Menschen in besonderen Projekten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren. Auf einer interaktiven Deutschlandkarte werden die Konflikte und die WIR-Projekte exemplarisch dargestellt. Die ARD zeigt am 7. November besonders verschärfte Konflikte und herausragende WIR-Projekte. auf allen Kanälen.

Distanzarbeit füllt eine Lücke

Abstand ist ein Thema, mit dem jeder im Alltag regelmäßig konfrontiert wird. Bei der Distanzierungsarbeit, von der wir hier sprechen, geht es aber nicht um freiwillige Abgrenzung im Alltag, sondern um Jugendliche, die Gefahr laufen, in die rechtsextreme Szene abzurutschen.

Dafür ist seit 2019 der Verein „Distance eV“ zuständig. Der gemeinnützige Verein widmet sich bundesweit der sogenannten Distanzierungsarbeit mit Jugendlichen. Der Fokus dieser Tätigkeit liegt auf Rechtsextremismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Der Verein schließt mit seiner Arbeit die bisherige Lücke zwischen Präventions- und Ausstiegsarbeit.

Gespräche sind nicht politisch

Mit all diesen Forderungen wird Jonas jedoch zunächst nicht konfrontiert. Im Gegenteil, es ging um gegenseitiges Kennenlernen und Vertrauensbildung. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass ihm jemand wirklich zuhörte, dass sie sich für ihn als Person interessierten. Auf dieser Ebene der Beziehung bekommen die Worte von Trainer Malte für Jonas ein anderes Gewicht, besonders wenn Malte den Hitlergruß von Jonas kritisch hinterfragt.

Malte sieht einen großen Vorteil darin, dass er nicht zu den Personen gehört, die die Jugendlichen normalerweise sanktionieren – Eltern, Lehrer oder die Polizei:

Wir fragen einfach und interessieren uns wirklich für die Antworten, um gemeinsam Antworten zu finden, die über Abwertungsmechanismen und Gewalt hinausgehen.

Probleme junger Menschen immer ähnlich

Schnell wird klar, dass es immer die gleichen Probleme sind, die die Jugendlichen beschäftigen. Sie suchen nach sich selbst, nach ihrer Stellung in der Welt. Sie sind wütend über Ungerechtigkeit und Ungleichheit, irgendwie immer unter Druck, eine Rolle zu spielen oder zumindest „cool“ zu sein.

Und oft fehlt ihnen das Selbstvertrauen, damit umzugehen. Jonas sagt, dass er einerseits erwachsen werden und Verantwortung übernehmen möchte, andererseits seine Jugend genießen und feiern möchte, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Anfällig für alles, was zu stoppen verspricht

Wenn junge Leute wie Jonas auf jemanden zugehen und ihn am Freitagabend auf ein Bier einladen, fühlen sie sich begehrt, das schmeichelt ihrem Ego. Dies wird dann von rechtsextremen „Rattenfängern“ leicht ausgenutzt. Dass bei diesen Treffen Rechtsrock aus der Kiste brüllt, wird ebenso ignoriert wie homophobe oder rassistische Äußerungen. Weil man in dem Alter wirklich irgendwo dazugehören möchte.

Die Trainer von „Distance eV“ wissen das, beurteilen die Jugendlichen nicht als Menschen, sondern kritisieren sie mit ihrer abschätzigen Haltung. Sie stellen ihre Motivation in Frage. Sie wollen wissen, ob sie sich in dieser Gruppe wirklich wohlfühlen. Für viele ist das ein völlig neues Gesprächserlebnis. Ein Schulleiter sagte einmal zum Team: „So etwas hätte ich mir gewünscht, als ich jung war.“ Und tatsächlich scheint es, als könnte jeder Mensch davon profitieren, auf diese Weise ernst genommen zu werden und mit all seinen Emotionen, auch den negativen, im Mittelpunkt zu stehen.

Helfen Sie auch der Umwelt

Auch Distance eV sieht es als seine Aufgabe an, Kontakte in das Umfeld von jungen Menschen zu finden, die von der Berufsorientierung bedroht sind, um mehr Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren. Sozialarbeitern und Lehrern werden regelmäßig Beratungen, Coachings und Weiterbildungen angeboten.

Die 28-jährige Paula hat gerade einen dieser Workshops besucht, weil sie sich gut vorstellen kann, selbst als Trainerin mit Jugendlichen zu arbeiten. Sie ist Multimedia-Künstlerin und hat intensiv mit Kindern und jungen Flüchtlingen gearbeitet. „Ich stelle es mir spannend vor, politische Bildung mit Kunst zu verbinden“, sagt sie.

Die Workshops arbeiten mit denselben Methoden, die später in der Ausbildung zum Einsatz kommen: Aufstellungen, Diskussionen, Rollenspiele. Paula war überrascht, wie schnell man verschiedene Perspektiven lernen kann: „Egal, wie mein Plan aussieht, am Ende liegt es an den Jugendlichen.“

Paula (Mitte) besuchte einen Workshop von Distance eV, um möglicherweise selbst als Trainerin mit Jugendlichen zu arbeiten.

Bild: Grit Hasselmann, MDR

Selbstreflexion als Ausweg

Die Ausbildung mit den Jugendlichen umfasst dann jeweils acht Termine – bei Bedarf kann noch ein zweiter Zyklus hinzukommen. Die Klientinnen und Klienten sind zwischen 12 und 18 Jahre alt, aktuell werden zehn von ihnen betreut. Es sei wichtig, sagt Malte, eine Beziehung aufzubauen. Es geht nicht um Allheilmittel oder Anleitungen. Junge Menschen sollen lernen, sich selbst zu reflektieren.

Wenn sich zum Beispiel jemand über Ausländer beschwert, frage ich ihn, warum er das tut, an welchen seiner Probleme Menschen aus anderen Ländern schuld sind.

Die Trainer zeigen Haltung, setzen Grenzen, ohne jedoch voreilig zu verurteilen, was der Nachwuchs sagt. Aus Sicht von Malte ärgern sich die Jugendlichen selbst oft darüber, dass sie immer wieder Stress und Ärger bekommen, sie wissen einfach nicht, wie sie aus der Spirale herauskommen sollen.

Vertraulichkeit oberste Priorität

Dabei half Jonas, dass das Ganze absolut vertraulich behandelt wird. Obwohl die Schulung im Zimmer des Schulsozialarbeiters stattfand, konnte er sicher sein, dass niemand von den Gesprächen erfahren würde. Obwohl es am Ende eine Auswertung mit den Eltern und dem Schulleiter gibt, konnte Jonas mitbestimmen, was er dort sagen wollte und was nicht.

Eltern sind wichtige Partner

Auch die Eltern müssen aufgeklärt werden. Denn gerade durch alltägliche Dinge spielen sie eine große Rolle. Auch diffuse, allgemeine Wut oder die Hinwendung zu Verschwörungsgeschichten wirken sich auf Kinder und Jugendliche aus, weiß das Team von Distance eV – vor allem, wenn diese Themen nicht offen diskutiert werden.

Die Annäherung der Eltern an den Verein ist jedoch eher die Ausnahme als die Regel. Der Distanzierungsverein wurde einem Vater von einem Polizisten empfohlen, nachdem er seinen 13-jährigen Sohn zum dritten Mal betrunken von der Polizeiwache abgeholt hatte.

Viel Hoffnung habe die Familie nicht, denn „wir hatten schon alles versucht und konnten den Jungen einfach nicht fassen“, so der Vater. Aber seit dem Training hat sich alles geändert. Vor allem hatte sich der Junge komplett von seiner alten Clique distanziert und sich neue Freunde gesucht. „Das Selbstbewusstsein und die Kraft hätte er vorher nie gehabt“, sagt der Vater.

Beginnen Sie, wenn Vorurteile stärker werden

Judith ist die pädagogische Leiterin des Teams. Ziel sei es, dort anzusetzen, wo Vorurteile unter Jugendlichen stärker werden. Wenn die Sprache brutaler und menschenverachtender wird. Der Ansatz des Distanzierungsprojekts zielt darauf ab, diese gefährdeten Personen zu erreichen, bevor sie zu einem festen Bestandteil rechtsextremer Strukturen werden.

Aber es gibt immer wieder Schwierigkeiten. Viele Schulen wollen nicht mit Ferne eV zusammenarbeiten, weil sie befürchten, als „Nazi-Schule“ bezeichnet zu werden, sagt Judith. Der Bedarf wird oft gar nicht gesehen und die Zusammenarbeit mit der Polizei funktioniert noch nicht so, wie Judith es sich wünscht. Aber das Projekt läuft vorerst bis 2024, bis dahin kann der Distance eV vielleicht etwas daran ändern.

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